{"id":1204,"date":"2025-07-13T19:52:09","date_gmt":"2025-07-13T19:52:09","guid":{"rendered":"https:\/\/vargberg.de\/?p=1204"},"modified":"2025-07-13T19:52:10","modified_gmt":"2025-07-13T19:52:10","slug":"nach-dem-tod","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vargberg.de\/?p=1204","title":{"rendered":"Nach dem Tod"},"content":{"rendered":"\n<p>Schon lange, bevor die Riemen eingezogen wurden und der flache Bug der Ifirnstolz fast am Grunde des sandigen Ufers kratzte, waren die Schreie zu h\u00f6ren. Von ihrer Ruderkiste aus hatte Helma sie geh\u00f6rt, w\u00e4hrend sie den Fluss hinauf gerudert waren. Ihre Arme zitterten von der Anstrengung, dem unbekannten Ruderlied zu folgen und sie w\u00fcnschte sich einen Moment zum Verschnaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIn den Kampf, f\u00fcr Swafnir!\u201c, rief der junge Rekke, der nicht gerudert, sondern die Richtung bestimmt hatte, die das Schiff nahm. Tjalf Angmarson strotzte vor Energie und in Olport hatte man Helma versichert, dass er ein guter Anf\u00fchrer war, fette Beuten brachte er von jeder Herferd mit nach Hause, um sie gro\u00dfz\u00fcgig unter seinen Rekkern zu verteilen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kampfeslustiges Gebr\u00fcll erf\u00fcllte die Luft, und wieder waren in der Ferne die Schreie zu h\u00f6ren: Die Thorwaler kommen! Helma beeilte sich, ihre Kr\u00f6tenhaut zu g\u00fcrten, Skraja, Messer und die Flasche Waskirer gut erreichbar zu verwahren. Um sie herum johlten ihre Mitstreiter laut. Helma verstand es nur zu gut. Sie alle konnten es kaum erwarten. Doch sie selbst blieb still. Sie schloss den Riemen ihres Helmes, griff nach ihrer Orknase, und als sie endlich den Skald von der Rehling nahm, war sie doch eine der letzten, die das Schiff verlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie alle kannten den Plan \u2013 sofern man ihn so nennen konnte. Die erste Beute war eine leichte, hatte der Hetja ihnen erkl\u00e4rt. Sie mussten sich erst einmal zusammen finden, mussten sich kennenlernen. In Olport hatten sie K\u00e4mpfe ausgefochten, damit nur die besten Rekker mitkamen. Helma hatte sich gut geschlagen, aber sie war sich nur zu bewusst, dass die anderen ihr gegen\u00fcber im Vorteil waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Worte hatte Tjalf nun also nicht mehr f\u00fcr sie, aber Helma h\u00f6rte ohnehin nicht richtig zu. Es war nichts, was andere Anf\u00fchrer vor ihm nicht auch schon gesagt hatten. Stattdessen pr\u00fcfte sie ihren Stand, verlagerte das Gewicht von einem Bein auf der andere, sp\u00fcrte den lederumschlungenen Griff ihrer Orknase in der rechten und das beruhigende Gewicht des Skaldes in der linken Hand. Der Schwei\u00df befeuchtete ihr bereits jetzt schon den Nacken, aber sie war so gut vorbereitet, wie sie es sein konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schlagen von Orknasen auf Holz lie\u00df sie aufschrecken. Ihre Mitstreiter hatten ein Kampflied angestimmt, und Helma merkte, dass sich auch ihr K\u00f6rper ganz ohne ihr Zutun dem Rhythmus angeschlossen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Starke Schilder und scharfe Klingen, das hatten sie wohl! Zwei Dutzend Rekker stampften auf und setzten sich in Bewegung, wild johlend, in einem Tempo, bei dem Helma kaum mithalten konnte. Davor hatte Starkad sie zu warnen versucht. Vielleicht hatte die Stadt ihn verweichlicht. Vielleicht hatte sie vers\u00e4umt, ihm zu zeigen, was wichtig war. Sie musste nicht vorne mitk\u00e4mpfen. Ihr ging es um etwas anderes.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Haufen an Thorwalern, der sich nun dem nostrischen Dorf n\u00e4herte, das das Ungl\u00fcck hatte, in der N\u00e4he eines schiffbaren Flusses zu sein, war weit entfernt von der Gemeinschaft, der sie einst angeh\u00f6rt hatte. Ach, Thorgrimm und Olgerda, Sigrun und Thordis, Iskir und Eindrin! Wie viel w\u00fcrde Helma daf\u00fcr geben, wieder an der Seite ihrer Freunde k\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Starke Schilde, scharfe Klingen, rauschend wild spritzt das Blut!<\/em> Schon drangen die ersten Axtschl\u00e4ge zu Helma, als Tjalf und ihre anderen Mitstreiter die ersten Nostrier niederschlugen, die es wagten, sich zu wehren, ihnen ihr Hab und Gut zu \u00fcberlassen. Bald war auch sie am Schauplatz des Gemetzels angekommen. Sie fasste ihre Orknase fester, bereit, sie einzusetzen, wenn sie denn nur einmal einen Moment hatte, um wieder zu Atem zu kommen. Schnell trank sie einen Schluck Waskirer.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Lasset unsre Waffen singen, wo einst Ebbe, Swafnirs Flut!<\/em> Ein warmes Gef\u00fchl erwachte in Helma, als sie das helle Klirren um sich herum aufnahm, das Vor- und Zur\u00fcckwogen ihrer Mitstreiter, die sich eine Gruppe Gegner nach der anderen vornahmen und sie f\u00fcr einen kurzen Moment das F\u00fcrchten lehrten, um sie dann f\u00fcr immer zum Schweigen zu bringen. Das war Swafnirs Flut, die nun endlich auch Helmas Kampfeswillen anfachte.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Stall sah Helma eine junge Rekkerin, die alleine gegen gleich drei Bondi k\u00e4mpfte, die sie mit Mistgabeln bedr\u00e4ngten. Sie erwehrte sich ihrer gut, aber abgeschnitten von ihren Mitstreitern konnte sie nicht mehr tun als das. Ihr Skjald war schon zersplintert.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eF\u00fcr Swafnir!\u201c, schrie Helma und eilte der jungen Rekkerin zu Hilfe. Als sie bei ihr ankam, erkannte sie Arnhild, ihre Nachbarin an den Riemen. Ein kleines B\u00f6rn hatte sie zuhause bei ihren beiden Partnern gelassen, in einem kleinen Dorf in der N\u00e4he von Olport. Nein, anders als Thorgrimm und Olgerda, als Sigrun und alle anderen von Helmas Freunden, anders als einstweil Helmas ganze Ottajasko, w\u00fcrde Arnhild nach Hause zur\u00fcckkehren. Daf\u00fcr w\u00fcrde Helma sorgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie f\u00e4llte den ersten Bondi mit einem Hieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite drehte sich nach ihr um, doch sie war bereits zu nahe und er hatte keinen Platz mehr, seine Mistgabel war zu gro\u00df und lang, um jetzt noch etwas anrichten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Helma stie\u00df ihn mit ihrem Skjald um. Hinter sich h\u00f6rte sie das weiche Flatschen und Knirschen, als Arnhild ihm den Kopf abschlug.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Starke Schilde, scharfe Klingen, rauschend wild spritzt das Blut!<\/em>, sang es in Helmas Kopf noch immer. Ein pl\u00f6tzliches, unerwartetes Lachen brach seinen Weg aus ihr heraus, und sie sp\u00fcrte Tr\u00e4nen \u00fcber ihr Gesicht flie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, daf\u00fcr war sie geboren. Nicht f\u00fcr das Jolskrim, das sie in jenem verh\u00e4ngnisvollen Sommer geh\u00fctet hatte, und den ganzen Herbst und Winter \u00fcber, bis in den Fr\u00fchling, immer wartend, dass ihre Ottajasko doch wieder zur\u00fcckkehrte. Nicht f\u00fcr das Pflegen derer, die in diesem jenem harten Winter schw\u00e4cher geworden und gestorben waren, bis nur Helma \u00fcbrig war, sie, und wie durch Ifirns Gnade auch das kleine Leben, wegen dem sie in jenem Sommer im Jolskrim verblieben war. Nicht f\u00fcr den langen Trek durch die Grauen Berge, den sie mit Starkad auf sich genommen hatte, als deutlich wurde, dass sie beide sterben w\u00fcrden, wenn sie darauf wartete, dass jemand zur\u00fcckkehrte. Nicht f\u00fcr das Leben in der Stadt, wo sie sich verdingt hatte, \u2013 die Stadt, aus der sie nun endlich wieder entkommen war, um dort ihrem Schicksal ins Auge zu sehen, wo sie dem Gottwal am n\u00e4chsten war. <em>Lasset unsre Waffen singen, wo einst Ebbe, Swafnirs Flut!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBogskari!\u201c Die Warnung drang an Helmas Ohr, Arnhilds Stimme laut und erschrocken, und Helma machte eine halbe Drehung, damit der Skjald sie vom Kampfget\u00fcmmel her deckte.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch war es zu sp\u00e4t. Zwei Pfeile schlugen in ihr Skjald, doch der dritte bohrte sich genau in ihre Kehle. Hei\u00df gl\u00fchender Schmerz durchstr\u00f6mte sie. Noch stand sie auf den Beinen, aber nicht mehr lange. Schon musste sie husten, als sie statt Luft Blut atmete. Schon waren ihre wei\u00dfen Haare blutgetr\u00e4nkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einer letzten Kraftanstrengung schwang sie die Orknase. Dumpf fiel der dritte Bondi zu Boden, als sie seine Bauchdecke \u00f6ffnete. Dann fiel auch sie auf die Knie und brach zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Eine klare Meeresbrise durchstr\u00f6mte Helmas Lungen, und sie sp\u00fcrte, wie sich die Schiffsplanken unter ihren F\u00fc\u00dfen bewegten. Swafnirs Flut str\u00f6mte durch ihre Adern, erf\u00fcllte sie mit einer Kraft, die sie seit f\u00fcnfzig Jahren nicht mehr gesp\u00fcrt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHelma! Endlich!\u201c, rief Sigrun, und Helma \u00f6ffnete die Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>Thorgrimm grinste sie an und hob die Hand zum Gru\u00df, und da war Olgerda schon bei ihr und dr\u00fcckte sie in einer festen Umarmung.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKomm\u201c, sagte Thordis, \u201edie Schlacht ruft.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Segel waren gestrafft, der Wind g\u00fcnstig. In der Ferne erklang das Tosen der Seeschlange. Helma blickte aufs Meer heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eF\u00fcr Swafnir!\u201c, rief sie, und steuerte das Schiff dem gro\u00dfen wei\u00dfen Pottwal nach, der die Schlacht anf\u00fchrte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon lange, bevor die Riemen eingezogen wurden und der flache Bug der Ifirnstolz fast am Grunde des sandigen Ufers kratzte, waren die Schreie zu h\u00f6ren. 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