{"id":1349,"date":"2026-08-06T08:58:27","date_gmt":"2026-08-06T08:58:27","guid":{"rendered":"https:\/\/vargberg.de\/?p=1349"},"modified":"2026-08-07T11:17:29","modified_gmt":"2026-08-07T11:17:29","slug":"thures-fluch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vargberg.de\/?p=1349","title":{"rendered":"Thures Fluch"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><strong>Sturmmond<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schwer lastete der Schnee bereits im Sturmmond auf dem Dach des Jolskrim. Auf dem Waskirer Hochland kam der Winter hart und heftig und dr\u00e4ngte sich in jede Nische des Lebens am Vargberg. Mal zerrten die gierigen Finger von Wind und Sturm an allem, was nicht im Ottaskin Schutz fand, mal legte sich der Schnee \u00fcber einen Schritt hoch \u00fcber die Lande und verwehrte selbst den wehrhaften, hartgesottenen kleinen Schafen, welche die Ottajasko hielt, der Natur auch nur ein Grasb\u00fcschel abzutrotzen. Die zotteligen Tiere mussten sich dann mit den d\u00fcrftigen Heureserven begn\u00fcgen, die der Sommer den Mitgliedern der Gemeinschaft, die nicht auf Fahrt gingen, herzustellen erlaubt hatte. Und immer klammerte sich die K\u00e4lte an eine und einen jeden, kroch durch alle Schlitze, in alle Ecken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Elder und die K\u00f6rperw\u00e4rme der Bewohnerinnen und Bewohner heizten das Jolskrim. Sie dr\u00e4ngten sich in mit Fellen und T\u00fcchern abgehangenen Schlafnischen zusammen, sodass des einen W\u00e4rme des anderen Schutz war. In einem solchen Langhaus war es nie vollst\u00e4ndig still, und als sie vor einigen Wintern mit ihrer Mutter an den Vargberg gekommen war, weil hier ihr Onkel lebte, hatte Bergrid Almasdottir eine Weile gebraucht, um sich daran zu gew\u00f6hnen.<br>Auch jetzt noch wachte sie gelegentlich auf: Wenn das Dachgeb\u00e4lk \u00e4chzte und st\u00f6hnte, wenn in den benachbarten Schlafnischen leise Stimmen erklangen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus unruhigen Tr\u00e4umen von Nebel und dessen Geistern erwachte Bergrid nun und lauschte in die Stille. Zu lange war sie am Abend wach geblieben, hatte an ihre Mutter gekuschelt den Geschichten gelauscht, die um das Elder herum erz\u00e4hlt wurden, an Tagen wie dem letzten, wenn die unruhigen Geister \u00fcber die Landschaft schlichen und jeden Klang schluckten, sodass man fl\u00fcstern musste, wenn man drau\u00dfen war, damit sie einen nicht fanden. Im Jolskrim war man gesch\u00fctzt, hatte ihre Mutter Bergrid versichert, und sie ger\u00fcgt, ihre Spindel nicht zu oft fallen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben ihr atmete ihre Mutter ruhig, wie immer in einen tiefen Schlaf gefallen. Bergrid erinnerte sich nicht mehr genau an das Leben vor dem Vargberg, nur einzelne Bilder blieben ihr vom Vorher. Aber vorher hatten sie in der Stadt gelebt, und dann immer an unterschiedlichen Orten, und vage erinnerte sich Bergrid daran, nachts von den unruhigen Tr\u00e4umen ihrer Mutter aufgeweckt zu werden. Hier hingegen konnte nichts ihren Schlaf st\u00f6ren, mochten die anderen im Jolskrim schnarchen, wie sie wollten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus einer benachbarten Bettnische, von Vorh\u00e4ngen und Fellen getrennt, erklang eine Stimme. Es war kein Schrei, nicht laut, aber dringend, als w\u00e4re es dem Sprecher ganz besonders wichtig, die Worte auszusprechen, und doch so genuschelt, dass Bergrid genau eines verstehen konnte: \u201eSeufzermoos.\u201c Ihr schauderte und sie zog ihre Decke enger um sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vom Seufzermoos hatten die gestrigen Geschichten gehandelt, und das Lied, das Ragin dazu mit beinahe entr\u00fcckter Stimme gesprochen hatte, ging Bergrid selbst bei der Erinnerung daran durch Mark und Bein. Gestern hatte ihre Mutter sie umarmt und getr\u00f6stet, jetzt musste ihre eigene Decke daf\u00fcr reichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht weit entfernt schnarchte jemand tief und gleichm\u00e4\u00dfig, doch n\u00e4her noch war jemand, der ebenso wie sie die Geschichte nicht vergessen konnte. Bergrid brauchte einen Moment, um die Stimme zuzuordnen, klang sie doch im Schlaf \u2013 und das war es, derjenige musste wohl im Schlaf reden \u2013 ganz anders als sonst. Da waren Schmerzen in der Stimme, die Bergrid von ihm noch nie geh\u00f6rt hatte. Dabei war es, da war sie sich jetzt sicher, sogar einer der Herferder! Thure Hiltjason hie\u00df er und er war schon mit auf Fahrt gegangen, als Bergrid an den Vargberg gekommen war. Jetzt h\u00f6rte sie in seiner Stimme nichts von der Lebhaftigkeit, die sie tags\u00fcber von ihm kannte. Viel langsamer und gequ\u00e4lter klangen die Worte, die er jetzt hervorpresste und von denen Bergrid nur das eine oder andere einmal verstehen konnte, denn noch immer waren sie nicht laut, nur ein dr\u00e4ngendes, ged\u00e4mpftes Flehen. \u201eRunjas\u201c h\u00f6rte sie und \u201eSchicksal\u201c, wieder das \u201eSeufzermoos\u201c und dann etwas von einem \u201eFluch\u201c, und pl\u00f6tzlich, schnell: \u201eWeiche, Drauger!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine kurze, atemlose Pause lang dachte Bergrid, es sei nun vorbei, und Thure habe den Drauger besiegt, der sich wohl im Schlaf gegen ihn wandte. Doch dann erklang seine Stimme wieder, verzerrt, fast als w\u00fcrde jemand anderes sprechen. \u201eSeufzermoos \u2026 zum Seufzermoos.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erstarrt lag Bergrid auf ihrem Lager. Sie wagte kaum zu atmen. Konnte es sein, dass Thure Hiltjason, der Jahr f\u00fcr Jahr im Faramond mit den anderen Herferdern zur See fuhr und mit ihnen im Heimamond mit voll beladenem Drakkar zur\u00fcck kehrte, Angst vor dem Seufzermoos hatte? Oder schlimmer noch \u2013 und Bergrid wagte diesen Gedanken kaum zu denken \u2013 dass es irgendeinen Fluch gab, der ihn damit verband? An langen Winterabenden erz\u00e4hlten die Rekker oft Geschichten dar\u00fcber, was sie in fernen L\u00e4ndern erlebten. Bergrid wusste von heldenhaften Schlachten, die sie geschlagen, von Orks, die sie besiegt, und Anh\u00e4ngern des Hranngar, die sie vernichtet hatten. Doch vom Seufzermoos und seinen Geistern war in diesen Geschichten nie die Rede.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angestrengt lauschte sie auf weitere Ger\u00e4usche, doch Thure war jetzt still, und so h\u00f6rte sie nur wieder das Schnarchen und Atmen der vielen Leute, die wie sie auf den B\u00e4nken an der L\u00e4ngsseite des Jolskrim ihre Schlafst\u00e4tte eingerichtet hatten. Mit klopfendem Herzen zog sich Bergrid ihre Decke \u00fcber das Gesicht und schmiegte sich enger an ihre Mutter, in ihren Arm, der sich im Schlaf um Bergrid legte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was sollte sie nur tun? Musste sie etwas tun? Vielleicht hatten selbst die Herferder gelegentlich schlechte Tr\u00e4ume. Vielleicht war nichts dabei. Sie konnte Ragin davon erz\u00e4hlen, der schlie\u00dflich gestern erst von den Draugern gesprochen hatte, mit denen Thure im Schlaf nun rang. Doch auf einen Goden mit einem Traum zuzugehen, der nicht ihr eigener war, konnte nicht richtig sein, und Bergrid glaubte nicht, dass sie, vor ihm stehend, auch nur ein Wort herausbringen w\u00fcrde. Noch nie hatte sie ohne ihre Mutter ein Wort mit ihm oder mit Beorn gewechselt. Es war Thures Sache, entschied sie, \u00fcber seine Tr\u00e4ume zu sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun trennte sie erst einmal eine Wand aus Decken und Fellen, und am Morgen hatte sich der Nebel hoffentlich gelichtet und die Drauger und alle Erinnerungen an sie vertrieben. Jej, es w\u00fcrde schon wieder alles in Ordnung kommen. In der warmen Umarmung ihrer Mutter schlief Bergrid wieder ein, und als morgens wieder Leben ins Jolskrim am Vargberg kam, waren die Ereignisse der Nacht schon fast wieder vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><strong>Frostmond<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die pelzbesetzte Kapuze tief \u00fcber das b\u00e4rtige Gesicht gezogen, trotzte Fjolnir Hammarson Firuns bei\u00dfendem Atem, den selbst die Palisade des Ottaskin nicht aufzuhalten vermochte, erst recht, seit vor zwei N\u00e4chten ein Sturm einen Teil davon besch\u00e4digt hatte. Noch dauerten die Arbeiten daran an, und so hielt Fjolnir heute Goiwara. Die Wehrhaftigkeit der Vargberg-Schafe mochte legend\u00e4r sein, doch das hielt weder sie davon ab, durch die \u00d6ffnung hinaus in die Nacht zu str\u00f6men und dort ihren Tod zu finden, noch bewahrte es die allzu hungrigen Varge davor, die vermeintlich leichte Beute aufzusuchen und innerhalb des Ottaskin gro\u00dfen Schaden anzurichten. Nein, vorerst war es besser, wenn die Herferder unter den Hirten mit ihren Waffen bereit standen, Eindringlinge zu verjagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ifirns Milde lie\u00df noch einige Tage auf sich warten, dem vergangenen Sturm folgte eine tr\u00fcgerische Ruhe kalter, klarer N\u00e4chte, die einen Vorgeschmack auf den kommenden Grimfrostmond bot. Fjolnir paffte an seiner Pfeife und starrte in die Nacht hinaus, lauschte dem Atmen und Schnaufen der Schafe, sich die im Schutze der Herde und des Ottaskins nahe aneinander dr\u00e4ngten. Manchmal neidete Fjolnir ihre dicken Pelze, auch, wenn es dazu keinen Grund gab: sein eigener Mantel war schlie\u00dflich aus der Wolle ebenjener Schafe gewoben, die er nun zusammen mit Ore und Tulle, den beiden getreuen Olportern, bewachte. Der Rauch f\u00fcllte seinen Mund mit willkommener W\u00e4rme.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Ferne heulten die Varge und Ore antwortete mit einem Ger\u00e4usch, das halb Wuffen, halb Knurren war. \u201eIch h\u00f6re sie auch\u201c, brummte Fjolnir. \u201eAber sie sind noch weit weg.\u201c Vielleicht hatte die Dorfgemeinschaft flussabw\u00e4rts des Merek ihr Vieh weniger gut gesch\u00fctzt. Das sollte Fjolnir recht sein. Auch dachte er an das Haus der Swafnirskinder, doch Swangard hatte ihm versichert, dass kein Wolf in deren Heimst\u00e4tte eindringen konnte, und wenn \u2013 nun, dann wollte Fjolnir nicht auf den Vargen wetten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hinter Fjolnir \u00f6ffnete sich die T\u00fcr des Jolskrim. Stirnrunzelnd wandte er sich um. Nachts blieben die Bewohnerinnen und Bewohner \u00fcblicherweise drin, zu wertvoll war die W\u00e4rme, als dass man sie leichtfertig entweichen lie\u00df. W\u00e4hrend auf den Ottaskin und die darin versammelte Schafherde silbernes Mondlicht fiel, lag das Vordach des Jolskrim im Schatten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWer da?\u201c, fragte Fjolnir und trat einen Schritt n\u00e4her.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Niemand antwortete, doch ein heller Schemen hob sich vor dem dunklen Hintergrund ab. Er beachtete Folnir nicht, sondern trat wortlos ins Mondlicht, und Fjolnir erkannte ihn. Es war einer der Herferder, mit denen Fjolnir Jahr f\u00fcr Jahr auszog, um Ruhm und Reichtum der Ottajasko zu mehren. Thure Hiltjason verbrachte die Sommer damit, jede Schlacht zu schlagen, die sich ihnen auf ihren Beutez\u00fcgen bot, und sorgte im Winter emsig daf\u00fcr, die geschundenen Segel der Vegah\u00f6gg wieder instand zu setzen, damit sie im Faramond bereit waren, wieder auszufahren. Nun stand er barf\u00fc\u00dfig und barh\u00e4uptig, in nichts als seiner Nachtw\u00e4sche, in der eisigen K\u00e4lte der Nacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eHej, Thure\u201c, brummte Fjolnir, \u201erein mit dir.\u201c Doch wohl war ihm nicht, und als er nahe genug war, um Thures Gesicht zu erkennen, wusste er, wieso.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Thure sah durch ihn hindurch, als sei er gar nicht da. Kein Wiedererkennen lag in seinem Blick, stattdessen eine Leere, die Fjolnir durch Mark und Bein ging. Das Gesicht leer und ausdruckslos, setzte Thure einen Fu\u00df vor den anderen, ohne sich anmerken zu lassen, ob er \u00fcberhaupt wahrnahm, wie der Schnee in seine F\u00fc\u00dfe biss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die T\u00fcr zum Jolskrim hatte er offen gelassen. Jedes thorwalsche Kind wusste, dass man das nicht tat. Dass Thure sich nicht daran hielt, lie\u00df eine Flamme der Wut in Fjolnir aufz\u00fcngeln. Er wollte Thure anfahren, doch der hatte noch immer kein Wort gesagt, und das lie\u00df Fjolnir auch innehalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Auge immer auf ihn gerichtet, schob sich Fjolnir an ihm vorbei und schloss die T\u00fcr selber. Er war bei weitem nicht zaghaft. Weder als Hirte am Vargberg noch als Herferder durfte man das sein. Im Gegenteil, Fjolnir wusste, dass er beherzt zupacken konnte, dass sich \u00c4xte wie Schurmesser gut in seine H\u00e4nde f\u00fcgten, dass es keine Gefahr gab, der er sich nicht zu stellen vermochte. Und doch hielt ihn nun eine Angst in ihren F\u00e4ngen, wie er sie im schlimmsten Kampf nicht kannte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Irgendetwas stimmte mit Thure nicht, das war unverkennbar. Mit einer Hand fasste Fjolnir die eiserne Fluke an, die an einer Kette um seinen Hals hing, mit der anderen ergriff er, nachdem er ein paar Schritte zu ihm hin getan hatte, Thures Schulter. Wieder str\u00f6mte ein Schwall von Wut durch seine Adern. Thure hatte nicht hier nachts herumzustreifen, in nichts als sein Nachtgewand gekleidet. Vor allem hatte er Fjolnir keine Angst einzujagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit einem Ruck drehte Fjolnir ihn um. \u201eThure\u201c, herrschte er ihn an. \u201eWas machst du hier?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Leere Augen blickten ihn im Mondlicht an und f\u00fcr einen Moment dachte Fjolnir, darin Schatten zu sehen, die sich wie von selber regten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann antwortete Thure. \u201eSie rufen\u201c, sagte er mit gequ\u00e4ltem Ton, einem St\u00f6hnen fast, wie B\u00e4ume, die im Sturm \u00e4chzten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWach auf\u201c, befahl Fjolnir, mehr Mut in der Stimme als im Herzen. Thure konnte nur tr\u00e4umen. Es war die einzige Erkl\u00e4rung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSie fl\u00fcstern, sie wispern, ich muss nun gehn. Sie sprechen durch den Wind. Sie sprechen durch den Schnee. Ich muss dort hin, sonst tun sie mir weh\u201c, rezitierte Thure als sei er ein Skalde, der eine Saga vortrug.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Paffen seiner Pfeife war Fjolnir in Fleisch und Blut \u00fcbergegangen, doch nun fiel ihm auf, dass sie ihm ausgegangen war. Mit einem Mal war ihm selbst in seinem w\u00e4rmsten Mantel kalt. \u201eWer?\u201c, traute er sich zu fragen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch Thure riss sich nur aus seinem Griff los und setzte wieder einen Fu\u00df vor den anderen, immer weiter, in Richtung der Bresche des Ottaskin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ore winselte. \u201eBleib\u201c, befahl Fjolnir ihm. Der Olporter versperrte die \u00d6ffnung, und das war jetzt wichtig. Wenn Thure hinaus ging, mochten die Schafe folgen und damit die Varge anlocken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit schnellen Schritten eilte Fjolnir ihm hinterher. Wie ein Drauger sah er im Mondenschein aus, nur ins Nachtgewand gekleidet einen Fu\u00df unbeirrt vor den anderen setzend. Er lief auf die eng zusammengedr\u00e4ngte Schafherde zu. Nur noch wenige Schritte trennten ihn davon und schon bald w\u00fcrden die Schafe aufgeschreckt, wenn er versuchte, mitten durch sie hindurch zu gehen. Wer wusste schon, wohin sie in ihrer Panik dann rannten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Abermals \u00fcberkam Fjolnir ein Schauer. Das Herz klopfte Fjolnir im Hals. Was auch immer mit Thure los war: Er musste sich nur <em>jetzt<\/em> darum k\u00fcmmern. Ganz ohne Frage musste er die Angelegenheit zu Beorn bringen. Irgendetwas war falsch hier, und Thure brachte nicht nur sich selbst in Gefahr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie hatten schon oft miteinander gek\u00e4mpft. Normalerweise war Thure ihm ein ebenb\u00fcrtiger Gegner, aber nun war es Fjolnir ein Leichtes, ihn zu Boden zu ringen. Mit wilden, zuckenden Bewegungen wehrte sich Thure. Das Gesicht in den Schnee gepresst und die Arme auf den R\u00fccken gedreht blieb ihm allerdings nicht viel \u00fcbrig, als letztlich ruhig liegen zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fjolnir wagte fast nicht, seinen Griff zu l\u00f6sen. \u201eThure?\u201c, fragte er, doch erhielt keine Antwort. Schlie\u00dflich drehte er ihn doch um, wollte ihn schlie\u00dflich nicht ersticken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Thure hatte die Augen geschlossen und atmete ruhig, nun das friedliche Bild eines schlafenden Thorwalers. Wenn auch einer, der nun doch ob der bei\u00dfenden K\u00e4lte zitterte. Kein gutes Zeichen, aber endlich eine normale Reaktion, die Fjolnir aufatmen lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWach auf\u201c, befahl er abermals und sch\u00fcttelte Thure an der Schulter \u2013 der nun die Augen zusammenkniff und einige Male blinzelte, sie schlie\u00dflich aufschlug und sich verwirrt umsah. Es war offensichtlich, dass er nicht wusste, wie er hier gelandet war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eFjolnir. Was ist los?\u201c, fragte Thure. Die Ausdr\u00fccke, die sich \u00fcber sein Gesicht legten, konnte Fjolnir nicht deuten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr eine Jurgaliedstrophe sah Fjolnir ihn pr\u00fcfend an. Wach und fest blickte Thure zur\u00fcck. Schlie\u00dflich zuckte Fjolnir mit den Schultern. \u201eDu hast getr\u00e4umt. Geh rein, w\u00e4rm dich auf. Bei Tag reden wir mit den Goden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Thure sah aus, als wollte er noch etwas sagen, aber nickte dann und ging hinein. Die T\u00fcr zog er ordentlich hinter sich zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fjolnir atmete tief durch und z\u00fcndete seine Pfeife wieder an. Es war weitaus mehr als nur ein Traum, einfach des Nachts das Jolskrim zu verlassen und wirres Zeug zu reden. Aber diese Angelegenheit war besser bei Tageslicht oder an Travias Hort aufgehoben als unter Firuns eisigem Atem.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis dahin wachte Fjolnir \u00fcber die Schafe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><strong>Grimmfrostmond<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEs wird schlimmer.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die wei\u00dfe Landschaft des Waskirer Hochlandes glitzerte im Sonnenlicht wie ein Meer fein beschlagener Gemmen. Langsam und stetig gewann die Sonne wieder die Oberhand in dem Kampf, den Sumus Tochter Winter um Winter gegen Hranngars Frost- und Sturmriesen austrug. Doch nicht davon zeugten Beorns Worte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kapuzen gegen den dennoch eisigen Wind \u00fcber den Kopf gezogen standen Beorn und Wulfgrimm am Ufer des zugefrorenen Merek, an der Stelle, wo die beiden Drakkar der Vargberg-Ottajasko an Land gezogen \u00fcberwinterten. Schon nahte der Friskenmond, sodass der Godi und der Skipsmider den Weg zu den \u00fcberwinterten Langbooten gegangen waren, um deren Zustand zu begutachten. W\u00e4hrend Wulfgrimm nach Sch\u00e4den in Kiel und Planken suchte, hatte Beorns Blick den Schw\u00e4chen gegolten, die den meisten Augen eher verborgen blieben, den Zeichen der Runjas, die sich ihm seit jeher da erschlossen, wo andere blind waren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Schiffe waren beide in einem akzeptablen Zustand. Sowohl die Vegah\u00f6gg als auch die Bjarnefrakki w\u00fcrden im Faramond zur See stechen k\u00f6nnen, wenn sie die allwinters n\u00f6tigen Arbeiten zur Instandhaltung durchf\u00fchrten, nun, da die Tage wieder l\u00e4nger wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur eines war nicht, wie es sein sollte. An einer einzigen Stelle prangte ein dunkler, verwaschener Fleck auf dem Deck der Vegah\u00f6gg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ernst blickte Beorn Wulfgrimm an und neigte den Kopf zu der Stelle. Sie mussten dar\u00fcber sprechen, von Godi zu Hetmann. Er sah zu, wie Wulfgrimm im Kopf die Positionen der Herferder durchging und zu einem Ergebnis kam.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eThure?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beon nickte. Es \u00fcberraschte ihn nicht, an dessen Platz ein solches Zeichen zu sehen. Von Mond zu Mond war Thure blasser, sein Schlaf unruhiger und seine Tr\u00e4ume deutlicher geworden. \u201eDer Fluch zieht ihn noch immer zum Seufzermoos. Eine Weile lang dachten wir, dass es besser wird \u2013 unterwegs auf Fahrt noch.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kaltes Eisen in der Hand und Swafnir in seinem Herzen zu halten hatte Thure dabei geholfen, die Wirkung abzusch\u00fctteln und er hatte sich mit der \u00fcblichen Vehemenz in Schlachten gest\u00fcrzt. Mit fortschreitendem Winter jedoch \u2026 erst war es gar nicht aufgefallen. Der Segelmacher war vielleicht etwas stiller gewesen, doch nicht mehr, als es nach einer ereignisreichen Fahrt vorkommen konnte. Nach und nach hatte sich die Wirkung des Fluches wieder unleugbar gezeigt. \u201eDoch der Runja Gefl\u00fcster umspinnt ihn.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wulfgrimms Hand legte sich auf das Holz des Drakkar. \u201eWas genau ist mit ihm?\u201c Es war klar, dass er an die bevorstehende Fahrt dachte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSein Verstand \u2013 sein Geist \u2013 ist intakt\u201c, fing Beorn bed\u00e4chtig an, die wichtigste Zusicherung vorweg. \u201eDoch hat sich ein Schatten mit seinem Schicksal verwoben, der an ihm zehrt. Er m\u00f6chte zu seinesgleichen; solange er an Thure gebunden ist, wird er ihn mitrei\u00dfen.\u201c Mehr als einmal bereits hatte diese Dunkelheit nach Thure gegriffen und ihn zum Stolpern gebracht. \u201eWenn dieser Fluch nicht gebrochen wird \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wulfgrimm spuckte hinter sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Bild ergab sich deutlich vor Beorns Augen. Kalte, klebrige Finger, die an Thures Kn\u00f6cheln zogen, ihn von den Planken hinunter in die Tiefe zerrten. Irrlichter, die \u00fcber das Seufzermoos flackerten. Was gegenw\u00e4rtig meist nur ein Gef\u00fchl war, das von Thure Besitz ergriff, w\u00fcrde dann sein Schicksal. Die Pfade, welche die Runjas offenbarten, wiesen alle dorthin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201e\u2026 dann mag seiner Seele geschehen, wozu es bislang nur seinen K\u00f6rper dr\u00e4ngt\u201c, vollendete Beorn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSkiet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eJej.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eGro\u00dfer, stinkender Orkenskiet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDie Runjas weben unser Schicksal.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit der Nacht im sp\u00e4ten Frostmond, als Thure beinahe alleine in die Wildnis hinaus gewandert w\u00e4re, hatten die Goden mehrfach mit ihm versucht, den Fluch zu brechen. Bestenfalls vermochten sie ihm zeitweise Erleichterung zu verschaffen, sodass er f\u00fcr einige wenige Tage wieder den Eindruck machte, unter den Lebenden zu weilen. Doch fr\u00fcher oder sp\u00e4ter verdunkelte wieder dieser Schleier seine Augen und lie\u00df aus seiner Fl\u00f6te nur Klagelieder erklingen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWir haben fast alles versucht\u201c, sagte Beorn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eFast.\u201c Wulfgrimms Augenbrauen hoben sich und Beorn sah neben Entschlossenheit auch einen Hauch von Angst in seinen Augen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er neigte den Kopf. Wulfgrimm war mit seiner Beunruhigung nicht alleine. Und doch \u2013 was sein sollte, w\u00fcrde sein. \u201eEs zieht ihn zum Seufzermoos. Lass uns mit ihm dorthin gehen.\u201c Er sah Wulfgrimm an. \u201eDu wei\u00dft, wer dort lebt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie von selbst griff Wulfgrimm an die Fluke, die an einer Kette um seinen Hals hing. Beorn konnte es ihm nicht verdenken. Er selber wusste um die F\u00e4den, welche die Runjas um diejenige gewoben hatten, wenn er doch auch deren Form nicht erkannte. F\u00fcr Wulfgrimm und die anderen am Vargberg hingegen \u2026 niemand konnte sich vorstellen, weshalb jemand am Rande des Seufzermoos leben sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDu bist dir sicher?\u201c Eindringlich suchte Wulfgrimm Beorns Blick.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beorn erwiderte ihn. \u201eEs wird, was wird. Aber sie mag die Wege all derer kennen, die es ins Moor zieht \u2013 ob Drauger oder Rekker.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine halbe Liedstrophe lang herrschte Stille, dann nickte Wulfgrimm als Zeichen seiner getroffenen Entscheidung. \u201eDann suchen wir sie auf. Die Seidkona im Seufzermoos.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><strong>Friskenmond<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine kleine Gruppe war es, die an diesem letzten Swafnirsdag des Friskenmondes auf dem Weg zum Seufzermoos war. Beorn nat\u00fcrlich und Ragin, dazu der Hetmann. Der alte Ingibj\u00f6rg war im Jolskrim verblieben, hatte nur Beorn einmal beiseite genommen und ihm einige Worte ins Ohr gefl\u00fcstert, woraufhin der Godi an seine G\u00fcrteltasche gegriffen und genickt hatte. Eine Handvoll Leute war noch dabei, Herferder zumeist \u2013 und nat\u00fcrlich Thure Hiltjason.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine zeitlang hatten sich die anderen unterhalten, ihre Worte ein ged\u00e4mpftes Murmeln in Thures Ohren. Selbst wenn sie neben ihm sprachen, kostete es ihn mehr M\u00fche, als er aufzubringen imstande war, den Sinn ihrer Worte zu begreifen, als l\u00e4ge best\u00e4ndig ein schwerer Nebel \u00fcber ihm, der die Laute der Lebenden schluckte und nur das unverst\u00e4ndliche Gefl\u00fcster der Runjas zu ihm dringen lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Inzwischen stapften alle schweigend dahin. Der Weg war m\u00fchsam. Mit der Schneeschmelze weichte der Boden auf, sodass man mit jedem Schritt bis zum Kn\u00f6chel einsank. Und doch h\u00e4tten sie dieses Unterfangen nicht fr\u00fcher beginnen k\u00f6nnen. Die Tage und N\u00e4chte verschwammen f\u00fcr Thure zu einer undefinierten, unendlichen Menge langer, schwerer, einsamer Momente, doch war er sich bewusst, dass bereits Wochen vergangen waren, seit die Goden mit ihm das Seufzermoos zum ersten Mal in diesem Winter besucht hatten. Er wusste, dass er die Seidkona f\u00fcrchtete, doch als er schlie\u00dflich vor ihr gestanden hatte, hatten die Runjas aus dem Moor viel zu laut gefl\u00fcstert, nach ihm gerufen, als dass ihre Worte eine Bedeutung gehabt hatten. Vage erinnerte er sich, wie sie mit Beorn gesprochen hatte. Darum waren sie nun abermals hier.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht mochte es helfen. Der Gedanke war abwegig. Fast als Gewissheit sp\u00fcrte Thure tief in den Knochen, dass es nicht wichtig war, was sie machten, um sein Leben zu retten \u2013 weil er doch eigentlich eben schon tot war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon machten die Tannen und L\u00e4rchen des Waskirer Hochlandes Fichten und Kiefern Platz, die schlie\u00dflich den hageren Gestalten der Moorbirken wich, welche die Wanderer beobachteten. Nie lie\u00df sich sagen, wo genau das Seufzermoos begann. Die im Sommer ausgetretenen Pfade waren nach der Schneeschmelze nur schwer erkennbar und die kleine Gruppe Reisender r\u00fcckte n\u00e4her zusammen, bis sie schlie\u00dflich bei der H\u00fctte der Seidkona ankamen, die sie bereits erwartete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war knochenharte Arbeit, schwerer noch als der Marsch \u00fcber den tauenden Boden, die Grube auszuheben. Bei aller Eint\u00f6nigkeit \u2013 Spaten einstechen und torfige Erde ausheben in endloser Wiederholung \u2013 brachte die Anstrengung immerhin ein wenig Farbe in Thures Wangen. Nur im Kampfe ebbte das best\u00e4ndige Unwohlsein wirklich ab, das sich seit dem letzten Kornmond tief unter seiner Haut eingenistet hatte. Doch harte Arbeit wie diese verschaffte zumindest kurze Linderung und weckte die ferne Erinnerung daran, wie leicht er es einst genommen hatte, am Leben zu sein. Des \u00f6fteren war Thure in den letzten Monaten schon auf halbem Wege aus dem Jolskrim hinaus gewesen, als er aufgewacht war und realisierte, wohin seine F\u00fc\u00dfe ihn trugen. Vielleicht half das, was sie hier vorhatten. Vielleicht band er sich aber auch nur endg\u00fcltig ans Seufzermoos.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einen dreiviertel Schritt tief war die Grube, einen breit und beinahe zwei lang, als ihre Spaten den gefrorenen Boden des Moores nicht mehr zu durchdringen vermochten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEs ist soweit\u201c, verk\u00fcndete die Seidkona unheilvoll. Es hie\u00df, das Moor gehorche ihr. Es hie\u00df auch, sie selbst sei daran gebunden, sei ebenso seine Dienerin wie die Drauger, deren Schrecken umso st\u00e4rker war, je n\u00e4her sich Thure ihnen f\u00fchlte. Er wusste nicht, welche der Geschichten der Wahrheit entsprachen, doch wenn es einen Weg gab, ihn aus diesem schattenhaften Dasein zu erl\u00f6sen, musste er ihn nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch bin bereit\u201c, sagte er mit einer Stimme, deren Schw\u00e4che ihm selbst nach all den Monden noch fremd war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er sp\u00fcrte die Blicke der anderen auf sich ruhen, als er in die Grube stieg. Vielleicht versuchte ihm jemand einen Abschiedsgru\u00df mitzugeben, ihm die Arme um die Schultern zu legen, ihm gutm\u00fctig durchs Haar zu rubbeln, ihm ein Zeichen zu geben, dass sie bei ihm waren. Daf\u00fcr waren sie schlie\u00dflich mitgekommen. Ohne sie zu beachten legte sich Thure auf das kalte Erdreich. Er platzierte seine Fl\u00f6te auf seiner Brust, umfasste sie mit den H\u00e4nden und schloss die Augen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Spaten um Spaten fiel die schwere, torfige Erde auf Thures K\u00f6rper. Die eisige Bodenk\u00e4lte kroch unaufhaltsam durch seinen Mantel. Das laute Pochen in Thures Ohren \u00fcbert\u00f6nte die gemurmelten Worte seiner Gef\u00e4hrten. Jeder Klumpen Erde entfernte ihn von ihnen und brachte ihn dem Seufzermoos n\u00e4her, und schon bald gab es f\u00fcr ihn nichts mehr als den best\u00e4ndigen Rhythmus fallender Erde, die seine Gliedma\u00dfen mehr l\u00e4hmte als die K\u00e4lte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Thure horchte auf \u00c4nderungen, auf irgendetwas, das ihm zeigte, dass es wirkte. Vielleicht war es sein Schicksal, hier zu sterben. Vielleicht wurde er dann zu dem, wonach sich sein K\u00f6rper den ganzen Winter bereits anf\u00fchlte. Er wusste, dass er das eigentlich nicht wollte. Doch es war so unheimlich schwer, sich daran zu erinnern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erde rieselte auch \u00fcber sein Gesicht und bedeckte seine Augen. Hier gab es nur ihn und das Seufzermoos in seiner endlosen Tiefe. Hier w\u00fcrde er also sterben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kleine Br\u00f6ckchen rieselten \u00fcber Thures Mund und Nase, und endlich, <em>endlich<\/em>, jetzt, da er keinen Finger r\u00fchren, keinen Atemzug tun konnte, geschah es: Wie das Wasser von den Federn eines Schwanes glitt die schwere Last von ihm ab und sickerte in den gefrorenen Boden des Seufzermoos. Eine Leichtigkeit umfing Thure, hell und klar sprudelnd wie eine Quelle im Fr\u00fchling, \u00fcbersch\u00e4umend wie die Brandung bei einem Strandh\u00f6gg, freudig und warm wie die N\u00e4he seiner Freunde und Gef\u00e4hrten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dem letzten bisschen Luft, das ihm verblieben war, pustete er die Erde \u00fcber seinem Mund weg und tat einen tiefen Atemzug. Er atmete, er lebte!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es dauerte eine Weile, bis seine Gef\u00e4hrten ihn wieder ausgegraben hatten, und dann, bis er seine steif gefrorenen Glieder wieder bewegen konnte. Eine nach dem anderen blickte Thure seinen Freunden in die Augen und es war, als w\u00fcrde er sie zum ersten Mal in diesem Winter sehen. Fest schloss er sie in die Arme, sp\u00fcrte die Kraft ihrer Umarmungen, die W\u00e4rme ihrer Freundschaft. Immer und immer wieder bedankte er sich mit einer Erleichterung, die, so herzlich sie auch klingen mochte, noch lange nicht der Tiefe seiner Gef\u00fchle gerecht werden konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlie\u00dflich wandte er sich an die Seidkona, die im Hintergrund stand und mit ihren scharfen Augen das Treiben beobachtete. Ein wenig schauderte Thure bei dem Gedanken, was sie wohl alles wissen, und wer ihr dieses Wissen zugefl\u00fcstert haben mochte. \u201eFjell tak\u201c, sagte er auch ihr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deutlich leichteren Herzens trat die kleine Gruppe den Weg zur\u00fcck zum Vargberg an, lachend und scherzend, singend und mit einer fast t\u00e4nzerischen Freude in den Schritten, und Thure pfiff ein fr\u00f6hliches Lied.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><strong><a href=\"https:\/\/vargberg.de\/?cat=18\">zur\u00fcck zu den Kurzgeschichten<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sturmmond Schwer lastete der Schnee bereits im Sturmmond auf dem Dach des Jolskrim. Auf dem Waskirer Hochland kam der Winter hart und heftig und dr\u00e4ngte sich in jede Nische des &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":711,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-1349","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kurzgeschichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vargberg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1349","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vargberg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vargberg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vargberg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vargberg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1349"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/vargberg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1349\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1361,"href":"https:\/\/vargberg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1349\/revisions\/1361"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vargberg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/711"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vargberg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1349"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vargberg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1349"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vargberg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1349"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}