{"id":529,"date":"2020-03-11T14:08:25","date_gmt":"2020-03-11T14:08:25","guid":{"rendered":"https:\/\/vargberg.de\/?p=529"},"modified":"2020-03-11T14:36:54","modified_gmt":"2020-03-11T14:36:54","slug":"2-unser-ist-das-meer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vargberg.de\/?p=529","title":{"rendered":"Unser ist das Meer &#8211; Kapitel 2"},"content":{"rendered":"\n<p>Das Kaninchen war wie versprochen sehr fett gewesen und jeder hatte eine gute Portion Fleisch, ges\u00fc\u00dft mit R\u00fcbensirup, bekommen. Dazu hatte es gebratene R\u00fcben gegeben, mit frisch gebackenem Brot. Jetzt sa\u00dfen sie zusammen am Feuer, schon leicht benebelt von einer weiteren Flasche Ingibj\u00f6rgs und einem mehrere Male neu aufgef\u00fcllten Horn Met. Faenwulf leckte sich das Fett von den Fingern, w\u00e4hrend Karva schweigend hinter ihm sa\u00df und sein langes rot-blondes Haar zu vielen Z\u00f6pfen flocht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch plane auf Heerfahrt zu gehen\u201c, begann Faenwulf und reichte das Horn an Ingibj\u00f6rg weiter, bei dem der Alkohol noch keine Wirkung zu haben schien. \u201eMein Drakkar liegt im Olporter Hafen und wird repariert, aber bald wird er fertig sein und die Fahrt kann beginnen. In einigen N\u00e4chten ist bereits Faramond. Es wird Zeit.\u201c Der Alte nickte nachdenklich und blickte seine Tochter an, die wortlos weiter Faenwulfs Haar flocht. \u201eWas suchst du, Faenwulf?\u201c, fragte der Alte und nahm einen tiefen Schluck Met. \u201eDu hast keine Ottajasko. Niemand braucht deine Herferd.\u201c Faenwulf verzog das Gesicht zu einem bitteren Grinsen. Der Alte konnte verletzend ehrlich sein. Es stimmte. Faenwulf hatte keine Ottajasko und keine Familie. Niemand war von ihm abh\u00e4ngig, was gut, aber auch bedr\u00fcckend war. Er war nicht mehr der J\u00fcngste und schon bald w\u00fcrden sich wei\u00dfe Str\u00e4hnen unter sein rot-blondes Haar mischen. \u201eSie werden meinen Namen singen\u201c, erwiderte er dann. \u201eDas ist mein Ziel. Ich werde tapfere Rekker suchen und die Skalden werden unser aller Namen singen.\u201c Die Antwort kam fast trotzig heraus, doch der Alte wollte ihn nur \u00e4rgern, ihn zum Nachdenken anregen, wusste er doch, dass Faenwulf dies manchmal zu wenig tat. Er dachte an Swafnir, den gro\u00dfen Krieger, an dessen Seite er stehen wollte, wenn er seinen letzten Atemzug ausgehaucht hatte, doch daf\u00fcr musste er sich beweisen. So manch schwere Schlacht hatte er geschlagen, doch das gen\u00fcgte Faenwulf nicht. Er wollte mehr k\u00e4mpfen, mehr pl\u00fcndern, er wollte, dass Swafnir ihn sah.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch werde dich begleiten\u201c, warf Karva ein. \u201eDies soll meine letzte Herferd sein.\u201c Dann erhob sie sich und zog sich in ihren Teil des Hauses zur\u00fcck, wahrscheinlich, um ihre Sachen zusammenzupacken. Das letzte Wort war also gesprochen. Karva hatte ihm die Entscheidung abgenommen, war er doch her gekommen, um sich den Rat und den Segen des Alten abzuholen. Dieser erhob sich nun auch, leerte das Horn und warf es dann achtlos neben das Feuer. Kurz ging er zu seinem Schlafplatz und legte Faenwulf dann ein Amulett um den Hals. Es war ein aus Elfenbein geschnitzter Pottwal, dessen K\u00f6rper mit feinen Runen \u00fcbers\u00e4t war. Der Gottwal. Swafnir, die alte Flosse, Besch\u00fctzer aller Thorwaler. Eine G\u00e4nsehaut breitete sich von der Stelle aus, an der das Amulett Faenwulfs Haut ber\u00fchrte. Er konnte den Wal in seinem Herzen h\u00f6ren. Ingibj\u00f6rg blickte ins Feuer, griff dann in seine Tasche und warf eine Handvoll Kr\u00e4uter in die Flammen. Wei\u00dfer Rauch stieg auf, der in sanften Kringeln zur Decke stieg und sich dort sammelte. Der Alte betrachtete den aufsteigenden Rauch und schien sich dann in der Wolke unter der Decke zu verlieren. Minuten vergingen, ohne dass jemand etwas sagte, bis der Alte seinen Blick schlie\u00dflich von dem Rauch los riss und seinem Freund ein breites Grinsen schenkte. \u201eSie werden deinen Namen singen, Faenwulf\u201c, kicherte er. \u201eAllerdings aus anderen Gr\u00fcnden, als du sie vielleicht anstrebst.\u201c Schmunzelnd zog der Alte sich in sein Schlaflager zur\u00fcck und lie\u00df seinen jungen Freund wortlos stehen. Tausend Gedanken schossen durch Faenwulfs Kopf. Er kannte die Gabe seines alten Freundes, doch er w\u00fcrde sich nie daran gew\u00f6hnen k\u00f6nnen. Es war unheimlich. Faenwulf griff nach dem Amulett und spuckte ins Feuer. Spucken und das Ber\u00fchren von Metall war eine wirksame Geste um erw\u00e4hnte Geister oder magische Dinge von sich fern zu halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Er kannte sich im Grassodenhaus aus und schritt zu einem Lager, dass er nutzen konnte. Bis auf die Bruche entkleidet, legte Faenwulf sich auf das Strohlager, das so hoch mit Schaffellen bedeckt war, dass es fast schien, als w\u00e4re man auf einer Wolke gebettet. Obwohl die N\u00e4chte noch kalt waren und das Feuer fast runter gebrannt, war es wohlig warm auf den Fellen und unter zwei Wolldecken. Der Aufstieg hing ihm immer noch in den Knochen und das Erlebnis mit Ingibj\u00f6rg hatte ihn erschreckt, doch Faenwulf schlief so schnell ein, dass kaum Zeit hatte \u00fcber den vergangenen Tag nachzudenken. W\u00fcrde er diese Nacht etwas tr\u00e4umen, so w\u00fcrde er Ingibj\u00f6rg davon erz\u00e4hlen. Tr\u00e4ume interessierten den Alten immer sehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Faenwulf wurde vom Kr\u00e4hen des Hahns geweckt. Sein Schlaf war tief und traumlos gewesen, wor\u00fcber er jetzt sehr froh war. Nach den Geschehnissen gestern Nacht h\u00e4tte das auch ganz anders aussehen k\u00f6nnen. Diese Seite von Ingibj\u00f6rg hatte Faenwulf nur sehr selten gesehen und sie bereitete ihm Unbehagen. Es war seltsam und unheimlich und h\u00e4tte er nicht ein so gem\u00fctliches Lager gehabt, h\u00e4tte Faenwulf wohl die Nacht drau\u00dfen verbracht. Doch er vertraute seinem Freund. Hier w\u00fcrde ihm nichts passieren. Von dem unheimlichen Rauch war schon lange nichts mehr zu sehen und doch schien man ihn noch zu sp\u00fcren. Eine G\u00e4nsehaut breitete sich auf Faenwulfs K\u00f6rper aus, ausgehend von dem Amulett das Ingibj\u00f6rg ihm gegeben hatte. Es sollte ihn besch\u00fctzen, das war klar und es abzulegen, und war es nur um sich zu waschen, war keine Option.<\/p>\n\n\n\n<p>Faenwulf stand auf und streckte sich, wobei seine Gelenke knackten. So jung war er wirklich nicht mehr. Es wurde Zeit, dass er sich mal wieder etwas anstrengte und die eingerosteten Muskeln zum Rudern und K\u00e4mpfen nutzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Lager am Ende des Raumes zog Karva sich gerade an und Faenwulf konnte nicht umhin einen kurzen Blick zu riskieren. Karva hatte zwar einige Winter mehr erlebt als er, doch sie war immer noch eine ernstzunehmende Kriegerin und sch\u00f6ne Frau. Fast zwei Schritt gro\u00df \u00fcberragte sie so manchen Mann, ihren K\u00f6rper verzierten etliche Hautbilder und jeder Mann h\u00e4tte nur zu gerne seine H\u00e4nde ihn ihrem rotbraunen Haar vergraben. Sie trug mehr Hautbilder als man auf den ersten Blick sah, wie Faenwulf jetzt feststellte. Ihren Hals zierte ein springender Wolf, auf ihrer linken Schulter tobte ein w\u00fctender Pottwal und ihre linke Brust umschlang die rote Schildrune. So hatte Faenwulf seine alte Freundin noch nie gesehen, doch ihm gefiel sehr was er sah. Karva hatte ihre Ausr\u00fcstung zusammen gepackt und war gerade dabei ihre Kr\u00f6tenhaut \u00fcberzuziehen. Die Lederr\u00fcstung war aus speckigem Leder, das so manchen Blutfleck aufwies und an etlichen Stellen geflickt worden war. Doch man sah auch, dass das Leder gefettet und die Nieten poliert worden waren. Genauso wie die verzierte Skraja an ihrem G\u00fcrtel. Faenwulf konnte sich ein Pfeifen gerade noch verkneifen, als Karva schlie\u00dflich in den Raum trat. Ihre hohen Stulpenstiefel reichten ihr bis zu den Schenkeln und ihre rot-wei\u00df gestreifte Hose war neu und noch strahlend wei\u00df. Sie lehnte ihren Schild, der einen z\u00e4hnefletschenden Wolf zeigte, an die T\u00fcr und begann die Glut in der Mitte des Raums neu zu entfachen. \u201eWenn du weiter so d\u00fcmmlich starrst, fallen dir noch die Augen aus dem Kopf\u201c, rief sie schmunzelnd Faenwulf zu und legte ein paar kleine \u00c4ste auf die Glut. Peinlich ber\u00fchrt ging Faenwulf nach drau\u00dfen und holte Wasser aus dem Brunnen, um sich zu waschen. Das Wasser war frisch und k\u00fchl und f\u00fchlte sich wunderbar an. Der Tau glitzerte noch im Gras und schon jetzt konnte man erkennen, dass es ein herrlicher Tag werden w\u00fcrde. Die Sonne ging langsam auf und der Himmel war blau und frei von jeder Wolke. Faenwulf entledigte sich seiner Bruche, steckte prustend den Kopf in den Eimer voll kaltem Wasser und leerte ihn dann \u00fcber seinem Kopf. Es war kalt, eiskalt, doch auch erfrischend und kurz kam Faenwulf sich wieder wie ein kleiner Junge vor. Er sch\u00fcttelte sich und begann dann sich zu waschen. Dabei schweifte sein Blick \u00fcber das Plateau das Ingibj\u00f6rg sein Zuhause nannte. Ein paar H\u00fchner stolzierten herum und pickten gelegentlich etwas von Boden auf und die Ziegen knabberten in ihrem Pferch gen\u00fcsslich an ein paar Kr\u00e4utern und dem Heu, das Karva ihnen heute morgen gebrachte hatte. Sie schienen den neuen Tag zu genie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch w\u00e4hrend Faenwulf sich in diesem Morgen verlor, h\u00f6rte er nicht weit entfernt ein markersch\u00fctterndes Heulen. Er zuckte zusammen, seine linke Hand ergriff sein Amulett und seine rechte glitt an seine H\u00fcfte, zu der Stelle, an der sonst seine Axt hing. Sofort blickte er sich um. Der Wolf konnte nicht weit sein, daf\u00fcr war das Heulen zu nah gewesen, doch anschleichen konnte er sich auf diesem Plateau auch nicht. Regungslos blieb Faenwulf stehen und lauschte, doch er h\u00f6rte nichts. Kein weiteres Heulen, kein Rascheln im Unterholz, kein Knurren, nichts. Der Wolf war fort. \u201eDer alte Goifang wagt sich mittlerweile immer n\u00e4her an unser Heim heran\u201c, murmelte Ingibj\u00f6rg hinter ihm und Faenwulfs Herz setzte f\u00fcr einige Sekunden aus. Wie konnte der alte Mann, obwohl er sich die meiste Zeit auf einen Stock st\u00fctzen musste, so leise sein? \u201eWer ist Goifang?\u201c, fragte er schlie\u00dflich s\u00e4uerlich und wandte sich zu seinem alten Freund um, doch dieser sch\u00fcttelte nur den Kopf. \u201eDiese Geschichte erz\u00e4hle ich dir wenn du wieder hier bist.\u201c Und so verschwand der Alte wieder im Haus, aus dem es mittlerweile k\u00f6stlich nach Rundfladen duftete. Warme Rundfladen mit R\u00fcbensirup und s\u00fc\u00dfer Milch. Was konnte es zum Fr\u00fchst\u00fcck besseres geben? <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/vargberg.de\/?p=502\">Kapitel 1<\/a> |  <a href=\"https:\/\/vargberg.de\/?p=545\">Kapitel 3<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Kaninchen war wie versprochen sehr fett gewesen und jeder hatte eine gute Portion Fleisch, ges\u00fc\u00dft mit R\u00fcbensirup, bekommen. Dazu hatte es gebratene R\u00fcben gegeben, mit frisch gebackenem Brot. Jetzt &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":530,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[17],"tags":[],"class_list":["post-529","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vargberg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/529","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vargberg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vargberg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vargberg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vargberg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=529"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/vargberg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/529\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":548,"href":"https:\/\/vargberg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/529\/revisions\/548"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vargberg.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/530"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vargberg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=529"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vargberg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=529"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vargberg.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=529"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}