{"id":549,"date":"2020-03-11T14:38:42","date_gmt":"2020-03-11T14:38:42","guid":{"rendered":"https:\/\/vargberg.de\/?p=549"},"modified":"2020-03-11T14:41:29","modified_gmt":"2020-03-11T14:41:29","slug":"unser-ist-das-meer-kapitel-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vargberg.de\/?p=549","title":{"rendered":"Unser ist das Meer &#8211; Kapitel 4"},"content":{"rendered":"\n<p>Es wurde\nlangsam dunkel und sie hatten ihr Lager unter den ausladenden \u00c4sten einer\nKiefer aufgeschlagen. Karva hatte eine Schlingenfalle aufgestellt und ein etwas\nmageres Kaninchen hatte darin sein Ende gefunden. Nun brutzelte es \u00fcber dem\nFeuer. Faenwulf war wieder einmal erstaunt dar\u00fcber, was seine alte Freundin\nalles konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie\nverbrachten den Abend schweigsam und Faenwulf war froh, seine Stiefel ausziehen\nzu k\u00f6nnen, um seinen F\u00fc\u00dfen etwas Luft zu g\u00f6nnen. Die hohen Stulpenstiefel waren\nperfekt, um von einem Schiff in die Brandung zu springen ohne nasse F\u00fc\u00dfe zu\nbekommen, oder gar auf nassen Steinen wegzurutschen, doch nach langen M\u00e4rschen\nkonnten einem schon einmal die F\u00fc\u00dfe schmerzen. Karva hatte eine gro\u00dfe Wolldecke\nentfaltet und wickelte sich nun darin ein. Das Kaninchenfleisch war noch nicht\nganz durch, doch das k\u00fcmmerte beide nicht. Sie waren hungrig wie junge W\u00f6lfe\nund rissen gierig das Fleisch von den Knochen. Fett lief ihnen die Finger und\ndas Kinn herunter und es schien als h\u00e4tten sie noch nie etwas so gutes\ngegessen. Die Knochen vergruben sie einige Meter entfernt. Sollte der Geruch\ndoch keine Raubtiere anlocken.<\/p>\n\n\n\n<p>Faenwulf war\nnach dem Werfen einer M\u00fcnze als erster an der Reihe Wache zu halten. Karva\nrollte sich in ihre Decke ein, die Skraja griffbereit, mit ihrem Seesack als\nKissen. Es dauerte nicht lange und ihre Atemz\u00fcge wurden l\u00e4nger und regelm\u00e4\u00dfig.\nFaenwulf versuchte das Feuer so klein wie m\u00f6glich zu halten, um keine B\u00e4ren,\nW\u00f6lfe oder gar Orks anzulocken. Immer wieder schien er Lichter in der Ferne zu\nsehen. Konnten sie von Waskir stammen? Sie hatten es nicht geschafft die gro\u00dfe\nStadt an einem Tag zu erreichen, doch morgen w\u00fcrden sie sicher gegen Mittag da\nsein. Faenwulf freute sich darauf. Es war immer eine willkommene Abwechslung\nunter vielen Menschen zu sein, auch wenn jeder Thorwaler sich manchmal nach\nEinsamkeit sehnte. Faenwulf schmunzelte \u00fcber den zwiegespaltenen Charakter\nseines Volks. Doch niemals wollte er zu anderen geh\u00f6ren, denn nirgendwo f\u00fchlte\ner sich so wohl wie unter seinesgleichen. Auch wenn er nie eine Ottajasko\ngehabt hatte, was eine Sache war, die er bedauerte. Nichts kn\u00fcpfte\nVerbindungen, die so eng waren, wie in einer Ottajasko zusammen zu leben, zu\nk\u00e4mpfen und zu sterben. Eine weitere Weisheit, die er von Ingibj\u00f6rg geh\u00f6rt\nhatte und die von vielen best\u00e4tigt worden war. Eine Ottajasko war wie eine\nzweite Familie in der jeder sich auf den anderen verlie\u00df und Blutsbande keine\nRolle spielten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es schien\nwindiger zu werden und einzelne B\u00f6en schnitten in Faenwulfs R\u00fccken. Er zog\nseinen Fellmantel aus seinem Seesack und warf ihn sich \u00fcber. Die Kiefer bot\nnicht sehr viel Schutz, doch Faenwulf wagte nicht, dass Feuer weiter zu\nentfachen. So r\u00fcckte er n\u00e4her an die kleine Flamme heran und versuchte\nwenigstens seine F\u00fc\u00dfe aufzuw\u00e4rmen. Ein warmes Bett w\u00fcrde ein weiterer Vorzug\nvon Waskir sein. Ebenso wie die Taverne in der es k\u00f6stliches Ahl und echtes\nPremer Feuer gab. In Waskir gab es au\u00dferdem das beste Sauerdunkelbrot, das man\nin ganz Thorwal bekommen konnte. Dazu eine Schale Bilkuer Fischblut und der Tag\nkonnte nicht besser werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Faenwulfs\nMagen knurrte bei dem Gedanken an diese K\u00f6stlichkeiten und zusammen mit der\nK\u00e4lte schlich sich eine M\u00fcdigkeit in seine Glieder. Er erhob sich und lief ein\npaar Schritte, atmete tief ein und wieder aus. \u201eDieser verdammte Berg\u201c, fluchte\nFaenwulf leise und lief weiter. Das half ein bisschen die M\u00fcdigkeit und das\nFrieren zu vertreiben, doch sobald er sich wieder hingesetzt hatte, begann sein\nZittern von neuem. Karva regte sich und blickte ihren Reisegef\u00e4hrten mitleidig\nan. Dann kroch sie zu Faenwulf hin\u00fcber und legte ihre Decke um sie beide. Mit\neinem tiefen, m\u00fcden Seufzen dr\u00fcckte sie sich an Faenwulf. \u201eVerfluche den Berg\nnicht\u201c, murmelte sie mit schl\u00e4friger Stimme. \u201eMeinem Vater bedeutet er sehr\nviel.\u201c Als Faenwulf nicht antwortete sprach sie weiter. \u201eVater war schon immer\nrastlos, wei\u00df du? Der Wal in ihm war immer ruhelos und ebenso wie die Kinder\ndes Meeres reiste er von Ort zu Ort und Land zu Land. Aber anders als die Wale\nhatte er nie eine Heimat. Keinen Ort an den er gebunden war und an den er\nzur\u00fcckkehren wollte. Deswegen sind meine Geschwister in ganz Thorwal verteilt.\nImmer wieder traf er eine Frau oder Freunde, die ihn an sich banden, doch das\nhielt nie lange an. Entweder die Ferne rief ihn, oder die anderen merkten, dass\ner anders war. Das war dann h\u00e4ufig der Moment, wo Vater weiter reiste.\u201c Wieder\nnickte Faenwulf nur. Er konnte sich sehr gut vorstellen, wie andere Thorwaler\nauf Ingibj\u00f6rgs seltsame Gabe reagiert hatten. Es war unheimlich und meist\nbrachte es nichts Gutes mit sich, wenn jemand mit den Runjas sprechen oder\nDinge sehen konnte. Solche Leute wurden gemieden und waren seltener Teil einer\nGemeinschaft. \u201eEr reiste dann mit einem Freund herum\u201c, fuhr Karva fort. \u201eLeif\nund er sind heute noch befreundet, musst du wissen. In Waskir waren Menschen\nverschwunden und Vater wollte herausfinden wieso. Also reisten sie ins Waskirer\nHochland immer den Merek entlang und schon bald sp\u00fcrte mein Vater, dass dort\netwas hauste. Und er sorgte daf\u00fcr, dass es sich weiter in den Wald zur\u00fcck zog\nund Waskir in Ruhe lie\u00df.\u201c Faenwulf d\u00e4mmerte, dass es etwas mit dem Wolf zu tun\nhaben musste, den er heute Morgen geh\u00f6rt hatte. Noch nie hatte etwas sein Herz\nso schnell zu Eis werden lassen, wie dieses markersch\u00fctternde Heulen. \u201eSein\nName ist Goifang\u201c, fing Karva seine Gedanken auf. \u201eIch wei\u00df nicht wie lange er\nschon an diesem Berg lebt, doch schon seit unz\u00e4hligen Wintern erz\u00e4hlen sich die\nWaskirer Geschichten von diesem Wolf. Es muss etwas zu bedeuten haben, dass er\nsich ausgerechnet heute wieder gezeigt hat. Vielleicht liegt es an den\nBesuchern meines Vaters. Doch trotz seiner Gefahren und unwirtlichen Winter hat\ndieser Berg der Seele meines Vaters Ruhe gebracht. Deswegen lebt er dort. Er\nist seine eigene kleine Heimat.\u201c Karva blickte nachdenklich ins Feuer und\nseufzte schwer. Sie nahm einen Schluck Wasser und legte sich dann wieder hin\nohne weitere Wort zu verlieren. Ihren R\u00fccken schmiegte sie an Faenwulf, der die\nwillkommene W\u00e4rme genoss. Karvas Geschichte hatte ihn zum Gr\u00fcbeln angeregt und\nseine Gedanken rasten ruhelos. Unm\u00f6glich w\u00fcrde er jetzt schlafen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Feuer war komplett runter gebrannt, als Karva erwachte. \u201eSchlaf du jetzt\u201c, sagte sie nur, was Faenwulf schlie\u00dflich doch nicht schwer fiel. Entgegen seiner Vermutung schlief er ruhig und traumlos. Und doch hatte er ein Bild im Kopf, als sie nach dem Aufstehen weiter wanderten. Ein gro\u00dfer schwarzer Wolf, dessen rechter oberer Rei\u00dfzahn schwarz war wie sein Fell. Und gr\u00fcne Augen, die einem direkt in die Seele blickten.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/vargberg.de\/?p=545\">Kapitel 3<\/a> | <a href=\"https:\/\/vargberg.de\/?p=552\">Kapitel 5<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es wurde langsam dunkel und sie hatten ihr Lager unter den ausladenden \u00c4sten einer Kiefer aufgeschlagen. 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