{"id":654,"date":"2020-04-24T05:45:32","date_gmt":"2020-04-24T05:45:32","guid":{"rendered":"https:\/\/vargberg.de\/?p=654"},"modified":"2020-04-24T05:47:27","modified_gmt":"2020-04-24T05:47:27","slug":"unser-ist-das-meer-kapitel-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vargberg.de\/?p=654","title":{"rendered":"Unser ist das Meer \u2013 Kapitel 12"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Wind war\nst\u00fcrmisch und das rot-wei\u00dfe Segel der Vegah\u00f6gg bl\u00e4hte sich auf und zog die Taue\nstramm, die es fixierten. Sie waren jetzt seit drei Tagen unterwegs und viele\nder Herferder sahen m\u00fcde aus. Die meisten waren noch nie, oder lange nicht auf\nFahrt gewesen und das t\u00e4gliche Rudern und die unsicheren N\u00e4chte an fremden\nStr\u00e4nden, hatten sie ersch\u00f6pft. Hinzu kam, dass die ganz jungen den Wellengang\nnicht gewohnt waren. Obwohl die meisten Thorwaler sich schon in der Wiege nach\ndem Rauschen des Meeres sehnten, kam es immer wieder vor, dass einige das stete\nSchaukeln des Drakkar nicht vertrugen. Ihre Seekrankheit hielt zwar nur einige\nTage an, doch wie bei den Landratten, war es kein sch\u00f6nes unterfangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine junge\nThorwalerin, Bryda, schwang ihren schwarzen Zopf \u00fcber ihre Schulter und blickte\nmit blassem Gesicht gen Himmel. Sie kniete vor einem der Stinkt\u00f6pfe, die\nFaenwulf hatte anfertigen lassen. Der andere Topf wurde fest verschlossen\nhinter der Vegah\u00f6gg her gezogen. Der, in den Bryda nun zum zweiten Mal f\u00fcr den\nheutigen Tag, ihr Fr\u00fchst\u00fcck erbrochen hatte, w\u00fcrde dem anderen folgen. Die\nanderen Herferder r\u00fcmpften \u00fcber den Gestank bereits die Nase. Faenwulf grinste.\nDieser Gestank w\u00fcrde noch schlimmer werden, doch die Stinkt\u00f6pfe waren ein\nwichtiges und wirksames Mittel. Es w\u00fcrden noch faule Fischabf\u00e4lle, Kohlreste\nund weitere Ausscheidungen folgen, die dann m\u00f6glichst lang in den Tonkr\u00fcgen\ng\u00e4rten. Dann wurden die Stinkt\u00f6pfe fest verschlossen und bis zu ihrer\nVerwendung hinter dem Schiff hergezogen. Die Tont\u00f6pfe wurden erst benutzt, wenn\nsie einem Schiff begegneten, das nicht einfach zu kapern war. In so einem Fall\nwurden die Stinkt\u00f6pfe auf das gegnerische Schiff geschleudert, wo sie zerbrachen\nund der ekelerregende Inhalt sich \u00fcber das Deck ergoss. Die meisten wurden von\ndem Gestank so \u00fcbermannt, dass sie nicht anders konnten als ihren Mageninhalt\nvon sich und jeglichen Widerstand aufzugeben. Eine sehr beliebte Taktik der\nThorwaler, die schon zu den lustigsten Abenden am Feuer gef\u00fchrt hatte. Faenwulf\nhatte schon h\u00e4ufig gelacht bis ihm die Tr\u00e4nen die Wangen herunter liefen und er\ndachte sein Bauch m\u00fcsste vor Lachen platzen, wenn Blotgrimm die Besatzung eines\nhorasischen Schiffs imitierte, die sich nach seinen Worten \u201edie Seelen aus dem\nLeib gekotzt\u201c hatten, noch w\u00e4hrend sie versuchten sich die Fischreste aus den\nHaaren zu pfl\u00fccken. Eine Erinnerung, die ihn immer wieder mit Schadenfreude und\nGenugtuung erf\u00fcllte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Blick\nglitt her\u00fcber zu der Schiffskatze Zornbrecht und Thurbold dem Olporter. Beide\nwaren sich seit dem Beginn der Herferd aus dem Weg gegangen und es war zu\nkeiner Auseinandersetzung gekommen. Zornbrecht hatte Thurbolds freudige\nAnn\u00e4herungen mit r\u00fcdem Fauchen abgewehrt und der gutm\u00fctige Hund hatte das\nakzeptiert und den grimmigen Kater nicht mehr bel\u00e4stigt. Abends hatte es sich\nZornbrecht auf Karvas Lager gem\u00fctlich gemacht und Thurbold seinen \u00fcblichen\nPlatz auf Blotgrimms F\u00fc\u00dfen eingenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>An Deck hatte\nsich Thurbold unter eine \u00f6lige Wolldecke verzogen, die Blotgrimm ihm extra\nhingelegt hatte. Die Wolle war rau und kratzig, doch das \u00d6l in den Fasern hielt\ndas zottige Fell des Olporters auch bei hohen Wellen und spritzender Gischt\ntrocken. Zornbrecht hatte einen Ann\u00e4herungsversuch gewagt und sich schlie\u00dflich\nauch unter die Decke verzogen. Er ahnte wohl, dass ein Sturm aufzog. Faenwulfs\nBlick glitt gen Himmel und in der Ferne konnte man bereits die ersten dunklen\nWolken aufziehen sehen. Doch da mussten sie durch. Die Wolken bewegten sich\nschnell und der Sturm hatte sie sicher eingeholt, bevor sie das sichere\nFestland erreichten. Einen Sturm wie diesen w\u00fcrden sie \u00fcberstehen, doch es war\nanstrengend und immer eine Herausforderung f\u00fcr die Herferder. Um die Vegah\u00f6gg\nmachte Faenwulf sich die wenigsten Sorgen. Sein Schiff hatte schon schlimmerem\nStand gehalten und war fast unbesch\u00e4digt weiter gesegelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Faenwulf\nblickte her\u00fcber zu Bryda, die den Stinktopf gewissenhaft verschloss und dann\ndas schwere Gef\u00e4\u00df \u00fcber die Reling hievte und von Bord warf. Ihre muskul\u00f6sen\nArme zeugten von ihrer Arbeit im Steinbruch und sie war eine kluge und\nunbarmherzige K\u00e4mpferin, doch wahrlich keine Seefahrerin. St\u00e4ndig plagte sie\ndie \u00dcbelkeit und ihr kr\u00e4ftiges Rudern wurde immer wieder davon unterbrochen,\ndass sie sich \u00fcber die Reling beugten musste, um die Fische zu f\u00fcttern. Bryda\nwar jedoch auch ein Dickkopf und so hatte sie sich entschieden erneut mit\nFaenwulf auf Fahrt zu gehen. Faenwulf wusste, dass sie dies nicht nur der\nAbenteuer wegen Tat, hatten sie doch auf der letzten Herferd h\u00e4ufig ein Lager\ngeteilt. Karva wusste bisher nichts davon und Faenwulf entschied sich ihr\nnichts davon zu erz\u00e4hlen, auch wenn er sich allein bei dem Gedanken wie ein\nt\u00f6richter Junge vorkam. Einen Grund hatte er nicht f\u00fcr diese Heimlichtuerei.<\/p>\n\n\n\n<p>Um auf\nandere Gedanken zu kommen, schlenderte Faenwulf \u00fcber das Deck. Durch den\nkr\u00e4ftigen Wind konnten sich die Herferder ausruhen und mussten nicht rudern.\nFaenwulf wollte ihnen noch etwas Ruhe g\u00f6nnen, denn wenn der Sturm erst einmal\n\u00fcber ihnen war, w\u00fcrden alle Rudern m\u00fcssen und das so lange bis der Sturm\nnachlie\u00df. Blotgrimm und Karva unterhielten sich angeregt und beide l\u00e4chelten\nFaenwulf an, als dieser zu ihnen stie\u00df. \u201eEs sieht nach Sturm aus\u201c, bemerkte\nKarva in einem best\u00e4tigenden Ton. Sie wusste, dass Faenwulf die Wolken bereits\nbemerkt hatte. Ihr Blick glitt her\u00fcber zu ihrem m\u00fcrrischen Kater, der von\nThurbolds schwarzem Fell fast komplett verdeckt wurde. \u201eWir sollten den Kater\nim Auge behalten und wie er sich verh\u00e4lt\u201c, murmelte Karva geistesabwesend mit\nfinsterer Stimme. \u201eWir sind weit weg vom Festland und wer wei\u00df was der Sturm\nmit sich bringt. IhreKinder&#8230;\u201c \u201eHalt den Mund\u201c, fuhr Faenwulf Karva an.\nFaenwulfs Gesicht verfinsterte sich. Seine Hand griff ruckartig zu dem\nSwafniranh\u00e4nger und er spuckte auf den Boden. Blotgrimm ergriff den eisernen\nKnauf seiner Axt. \u201eGerade du solltest wissen, dass es Ungl\u00fcck bringt an Bord\neines Schiffes \u00fcberhaupt an so etwas zu denken.\u201c Karva senkte schuldbewusst den\nBlick und fl\u00fcsterte eine Entschuldigung. \u201eIch wei\u00df nicht was in mich gefahren\nist.\u201c Die Wut verflog, doch die Bilder waren nun in Faenwulfs Kopf und machten\nsein Herz schwer, f\u00fcllten es mit kriechender Angst. Ein mit gr\u00fcnen Schuppen\nbedeckter, langer K\u00f6rper, der sich schnell und lautlos durch das Wasser bewegt.\nEin Dornenkamm, der die Wellen teilt und gelbe Augen, die einem direkt in die\nSeele blicken und nur das Schlechte sehen. Sieben Reihen Z\u00e4hne, lang wie Dolche\nund ein kaltes, schwarzes Herz. Ein m\u00e4chtiger Kopf erhebt sich aus den Wellen\nin denen Tr\u00fcmmer und Leichen treiben und die gelben Augen blicken ihn an.\nFaenwulf zuckte zusammen, als Karva ihre kalte Hand in seinen Nacken legte und\neinige Worte in sein Ohr fl\u00fcsterte, die er nicht verstand. Doch die Gedanken,\ndie Vision, von dem gr\u00e4sslichen Wesen, von einem ihrer Kinder, wich den\nGedanken an den g\u00fctigen Gottwal Swafnir. Faenwulfs Blick glitt \u00fcber das\nst\u00fcrmische Meer, doch nirgendwo sah er ein Zeichen. Und doch schien es ihm als\nk\u00f6nnte die riesige wei\u00dfe Flosse jeden Moment vor ihnen aus dem Wasser steigen.\nSeine finstere Stimmung verflog langsam. War dieser Ausbruch von Karva, der so\nuntypisch f\u00fcr sie war, etwas das ihr Vater ihr vermacht hatte? Kein Thorwaler\nbei vern\u00fcnftigem Verstand, w\u00fcrde an Bord eines Drakkar auch nur an eine\nSeeschlange denken. Hranngars Gez\u00fccht brachte stets Ungl\u00fcck und Tod mit sich\nund nur daran zu denken, war ein Frevel.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Faenwulf\nwieder sein Schiff betrachtete, bemerkte er, dass alle ihn unsicher\nbetrachteten. Sie hatten seinen Ausbruch Karva gegen\u00fcber bemerkt und ebenso\nBlotgrimms und seine Geste, um B\u00f6ses fern zu halten. Er zwang sich, seine\nMannschaft ermutigend anzul\u00e4cheln und die meisten entspannten sich wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Karva blickte ihn noch immer schuldbewusst, aber auch besorgt an und ergriff seine Hand, so als br\u00e4uchte sie Trost. \u201eEtwas ist mit meinem Vater\u201c, fl\u00fcsterte sie und blickte besorgt Richtung Sturm.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/vargberg.de\/?p=650\">Kapitel 11<\/a> | <a href=\"https:\/\/vargberg.de\/?p=658\">Kapitel 13<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Wind war st\u00fcrmisch und das rot-wei\u00dfe Segel der Vegah\u00f6gg bl\u00e4hte sich auf und zog die Taue stramm, die es fixierten. 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