{"id":710,"date":"2020-08-16T08:39:11","date_gmt":"2020-08-16T08:39:11","guid":{"rendered":"https:\/\/vargberg.de\/?p=710"},"modified":"2020-08-16T08:40:44","modified_gmt":"2020-08-16T08:40:44","slug":"unser-ist-das-meer-kapitel-22","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vargberg.de\/?p=710","title":{"rendered":"Unser ist das Meer \u2013 Kapitel 22"},"content":{"rendered":"\n<p>Sie nahmen einen anderen Weg als den Hinweg, bogen auf einen schmaleren Pfad ab, der offensichtlich nicht oft benutzt wurde. Nach langem Marsch wurde der anfangs felsige Boden immer weicher. Auch die Pflanzen um sie herum ver\u00e4nderten sich. Die hohen B\u00e4ume wurden weniger und wichen dichten B\u00fcschen und hohen Gr\u00e4sern. Sie trafen auf ein paar Torfstecher und Beorn und Ragin wussten nun, dass sie sich auf ein Moor zu bewegen mussten. Beorn bildetet sich ein, das modrige Wasser schon riechen zu k\u00f6nnen. Ein kalter Schauer rann seinen R\u00fccken herab. Er hatte schon von dem Moor bei Waskir geh\u00f6rt. Seufzermoos nannten die Anwohner es, hielten sich aber fern so gut es ging. Lediglich die Torfstecher gingen hier ein und aus und kannten jeden Kn\u00fcppeldamm wie die R\u00fcckseite ihrer Hand. Tat man hier einen falschen Schritt, konnte es das Ende bedeuten. Ein Ende das man nicht seinem schlimmsten Feind w\u00fcnschte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ragin sp\u00fcrte ein Kribbeln direkt hinter seinen Augen. Dieser Ort war nicht einfach ein Moor und die Runjas, die hier fl\u00fcsterten, waren hinterh\u00e4ltig und t\u00fcckisch wie das Moor selbst. Es bedurfte h\u00f6chster Konzentration die feixenden Stimmen aus seinem Kopf auszuschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir sind da\u201c, bemerkte Ingibj\u00f6rg nach schier endlos scheinendem Marsch. Sie hatten eine Art Lichtung erreicht. Der Boden war hier trocken und sicher, doch umgeben von brackigem Wasser, Moor und unz\u00e4hligen Schw\u00e4rmen von M\u00fccken. Die Sonne ging langsam unter und Ingibj\u00f6rg begann mit seinen Vorbereitungen. Beorn und Ragin sollten ein Feuer machen und schon mal damit beginnen einige Kr\u00e4uter zu verbrennen. Ingibj\u00f6rg selbst machte sich daran mit dem Ende seines Gehstocks Runen in den weichen Boden zu zeichnen. Leif hatte sich auf einen Baumstumpf gesetzt und betrachtetet das Geschehen teilnahmslos. Der fremde Reisende verfolgte alles mit steigendem Entsetzen. Er war leichenblass und seine H\u00e4nde zitterten so stark, dass er sie schlie\u00dflich ineinander verkrampfte, um sie daran zu hindern.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Rauch des R\u00e4ucherkrauts sammelte sich \u00fcber ihnen in den Baumkronen. Ingibj\u00f6rg lie\u00df sich am Feuer nieder und blickte konzentriert in die Flammen. Seine Sch\u00fcler setzten sich ebenfalls ans Feuer und versuchten kein Detail zu verpassen. Die Flammen tanzten, der Rauch schl\u00e4ngelte sich in den Himmel und langsam wurden die Stimmen der Runjas lauter und lauter. Sie kicherten, feixten, lachten und kreischten. Jedes Mal wenn der L\u00e4rm unertr\u00e4glich zu werden schien, warf Ingibj\u00f6rg eine weitere Hand Kr\u00e4uter ins Feuer oder lie\u00df den Rauch mit einer Handbewegung in eine andere Richtung tanzen, und die Runjas wurden leiser. Nach einiger Zeit schien es als w\u00fcrden sie Bewegungen im Moor sehen. Schnelle Bewegungen gerade au\u00dferhalb des Blicks, Bewegungen, die man nur im Augenwinkel sah und sobald man hinschaute, war dort nichts au\u00dfer Dunkelheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war unklar wie sp\u00e4t es war, doch die Sonne war komplett am Horizont verschwunden und nur das Feuer erhellte die Lichtung. Seit einiger Zeit waren Lichter im Moor erschienen. Lichter, die einen sicheren Weg durch das Moor und eine sichere Zuflucht versprachen. Doch die Runjas waren t\u00fcckisch und jeder, der sie kannte, wusste, dass dieser Weg in den Tod f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Mittlerweile war das Kichern und Feixen der Runjas so laut, dass selbst Leif und der Fremde es zu h\u00f6ren schienen. Die Zeit war gekommen. Mit steifen Gliedern erhob Ingibj\u00f6rg sich und deutete dem Fremden zu ihm zu treten. Er war genauso wackelig auf den Beinen wie der Alte und umklammerte mit einer Hand einen Anh\u00e4nger in der Form eines Pottwals. Ingibj\u00f6rg blickte ihn an, ber\u00fchrte sanft die Stirn des Mannes und zog dann eine Tonflasche hervor. Er entkorkte sie und begann den Inhalt \u00fcber Kopf und Glieder des Mannes zu verteilen. Es roch nach Algen und Salz und Ragin realisierte, dass es Meerwasser war. Kleine Tropfen hingen in den Wimpern des Mannes, der immer ruhiger wurde. Nun zog Ingibj\u00f6rg ein Messer hervor, das er sich ohne die Miene zu verziehen, durch die Handfl\u00e4che zog. Im Schein des Feuers schienen die Tropfen fast schwarz sein. Wieder ergriff Ingibj\u00f6rg das Gesicht des Mannes und benetzte dessen Wangen mit seinem Blut. Er legte ihm eine Kette um, lie\u00df dann einige Tropfen seines Blutes ins Feuer fallen und fl\u00fcsterte etwas das niemand am Feuer verstehen konnte. Doch die Runjas schienen es zu verstehen. Sie wurden wieder lauter und lauter, so dass Beorn und Ragin sich zwingen mussten, ihre Ohren nicht mit den H\u00e4nden zu bedecken. Ingibj\u00f6rg blickte den Mann an und sagte ein Wort, dass die jungen M\u00e4nner trotz des L\u00e4rms verstanden. \u201eGeh!\u201c Und er tat es. Den Lichtern ins Moor folgend, drehte der Fremde sich um und verlie\u00df die Lichtung. Die jungen M\u00e4nner versuchten ihn so lange wie m\u00f6glich im Blick zu behalten, doch irgendwann war er einfach fort und die Runjas verstummten abrupt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ragin f\u00fchlte eine \u00dcbelkeit in sich aufsteigen und auch Beorn war leichenblass. \u201eVersucht zu schlafen\u201c, sagte Ingibj\u00f6rg mit ersch\u00f6pfter Stimme. \u201eRuht euch aus. Morgen geht es zur\u00fcck zum Berg. Das hier war erst der Anfang.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/vargberg.de\/?p=705\">Kapitel 21<\/a> | <a href=\"https:\/\/vargberg.de\/?p=714\">Kapitel 23<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie nahmen einen anderen Weg als den Hinweg, bogen auf einen schmaleren Pfad ab, der offensichtlich nicht oft benutzt wurde. 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