Sturmmond
Schwer lastete der Schnee bereits im Sturmmond auf dem Dach des Jolskrim. Auf dem Waskirer Hochland kam der Winter hart und heftig und drängte sich in jede Nische des Lebens am Vargberg. Mal zerrten die gierigen Finger von Wind und Sturm an allem, was nicht im Ottaskin Schutz fand, mal legte sich der Schnee über einen Schritt hoch über die Lande und verwehrte selbst den wehrhaften, hartgesottenen kleinen Schafen, welche die Ottajasko hielt, der Natur auch nur ein Grasbüschel abzutrotzen. Die zotteligen Tiere mussten sich dann mit den dürftigen Heureserven begnügen, die der Sommer den Mitgliedern der Gemeinschaft, die nicht auf Fahrt gingen, herzustellen erlaubt hatte. Und immer klammerte sich die Kälte an eine und einen jeden, kroch durch alle Schlitze, in alle Ecken.
Das Elder und die Körperwärme der Bewohnerinnen und Bewohner heizten das Jolskrim. Sie drängten sich in mit Fellen und Tüchern abgehangenen Schlafnischen zusammen, sodass des einen Wärme des anderen Schutz war. In einem solchen Langhaus war es nie vollständig still, und als sie vor einigen Wintern mit ihrer Mutter an den Vargberg gekommen war, weil hier ihr Onkel lebte, hatte Bergrid Almasdottir eine Weile gebraucht, um sich daran zu gewöhnen.
Auch jetzt noch wachte sie gelegentlich auf: Wenn das Dachgebälk ächzte und stöhnte, wenn in den benachbarten Schlafnischen leise Stimmen erklangen.
Aus unruhigen Träumen von Nebel und dessen Geistern erwachte Bergrid nun und lauschte in die Stille. Zu lange war sie am Abend wach geblieben, hatte an ihre Mutter gekuschelt den Geschichten gelauscht, die um das Elder herum erzählt wurden, an Tagen wie dem letzten, wenn die unruhigen Geister über die Landschaft schlichen und jeden Klang schluckten, sodass man flüstern musste, wenn man draußen war, damit sie einen nicht fanden. Im Jolskrim war man geschützt, hatte ihre Mutter Bergrid versichert, und sie gerügt, ihre Spindel nicht zu oft fallen zu lassen.
Neben ihr atmete ihre Mutter ruhig, wie immer in einen tiefen Schlaf gefallen. Bergrid erinnerte sich nicht mehr genau an das Leben vor dem Vargberg, nur einzelne Bilder blieben ihr vom Vorher. Aber vorher hatten sie in der Stadt gelebt, und dann immer an unterschiedlichen Orten, und vage erinnerte sich Bergrid daran, nachts von den unruhigen Träumen ihrer Mutter aufgeweckt zu werden. Hier hingegen konnte nichts ihren Schlaf stören, mochten die anderen im Jolskrim schnarchen, wie sie wollten.
Aus einer benachbarten Bettnische, von Vorhängen und Fellen getrennt, erklang eine Stimme. Es war kein Schrei, nicht laut, aber dringend, als wäre es dem Sprecher ganz besonders wichtig, die Worte auszusprechen, und doch so genuschelt, dass Bergrid genau eines verstehen konnte: „Seufzermoos.“ Ihr schauderte und sie zog ihre Decke enger um sich.
Vom Seufzermoos hatten die gestrigen Geschichten gehandelt, und das Lied, das Ragin dazu mit beinahe entrückter Stimme gesprochen hatte, ging Bergrid selbst bei der Erinnerung daran durch Mark und Bein. Gestern hatte ihre Mutter sie umarmt und getröstet, jetzt musste ihre eigene Decke dafür reichen.
Nicht weit entfernt schnarchte jemand tief und gleichmäßig, doch näher noch war jemand, der ebenso wie sie die Geschichte nicht vergessen konnte. Bergrid brauchte einen Moment, um die Stimme zuzuordnen, klang sie doch im Schlaf – und das war es, derjenige musste wohl im Schlaf reden – ganz anders als sonst. Da waren Schmerzen in der Stimme, die Bergrid von ihm noch nie gehört hatte. Dabei war es, da war sie sich jetzt sicher, sogar einer der Herferder! Thure Hiltjason hieß er und er war schon mit auf Fahrt gegangen, als Bergrid an den Vargberg gekommen war. Jetzt hörte sie in seiner Stimme nichts von der Lebhaftigkeit, die sie tagsüber von ihm kannte. Viel langsamer und gequälter klangen die Worte, die er jetzt hervorpresste und von denen Bergrid nur das eine oder andere einmal verstehen konnte, denn noch immer waren sie nicht laut, nur ein drängendes, gedämpftes Flehen. „Runjas“ hörte sie und „Schicksal“, wieder das „Seufzermoos“ und dann etwas von einem „Fluch“, und plötzlich, schnell: „Weiche, Drauger!“
Eine kurze, atemlose Pause lang dachte Bergrid, es sei nun vorbei, und Thure habe den Drauger besiegt, der sich wohl im Schlaf gegen ihn wandte. Doch dann erklang seine Stimme wieder, verzerrt, fast als würde jemand anderes sprechen. „Seufzermoos … zum Seufzermoos.“
Erstarrt lag Bergrid auf ihrem Lager. Sie wagte kaum zu atmen. Konnte es sein, dass Thure Hiltjason, der Jahr für Jahr im Faramond mit den anderen Herferdern zur See fuhr und mit ihnen im Heimamond mit voll beladenem Drakkar zurück kehrte, Angst vor dem Seufzermoos hatte? Oder schlimmer noch – und Bergrid wagte diesen Gedanken kaum zu denken – dass es irgendeinen Fluch gab, der ihn damit verband? An langen Winterabenden erzählten die Rekker oft Geschichten darüber, was sie in fernen Ländern erlebten. Bergrid wusste von heldenhaften Schlachten, die sie geschlagen, von Orks, die sie besiegt, und Anhängern des Hranngar, die sie vernichtet hatten. Doch vom Seufzermoos und seinen Geistern war in diesen Geschichten nie die Rede.
Angestrengt lauschte sie auf weitere Geräusche, doch Thure war jetzt still, und so hörte sie nur wieder das Schnarchen und Atmen der vielen Leute, die wie sie auf den Bänken an der Längsseite des Jolskrim ihre Schlafstätte eingerichtet hatten. Mit klopfendem Herzen zog sich Bergrid ihre Decke über das Gesicht und schmiegte sich enger an ihre Mutter, in ihren Arm, der sich im Schlaf um Bergrid legte.
Was sollte sie nur tun? Musste sie etwas tun? Vielleicht hatten selbst die Herferder gelegentlich schlechte Träume. Vielleicht war nichts dabei. Sie konnte Ragin davon erzählen, der schließlich gestern erst von den Draugern gesprochen hatte, mit denen Thure im Schlaf nun rang. Doch auf einen Goden mit einem Traum zuzugehen, der nicht ihr eigener war, konnte nicht richtig sein, und Bergrid glaubte nicht, dass sie, vor ihm stehend, auch nur ein Wort herausbringen würde. Noch nie hatte sie ohne ihre Mutter ein Wort mit ihm oder mit Beorn gewechselt. Es war Thures Sache, entschied sie, über seine Träume zu sprechen.
Nun trennte sie erst einmal eine Wand aus Decken und Fellen, und am Morgen hatte sich der Nebel hoffentlich gelichtet und die Drauger und alle Erinnerungen an sie vertrieben. Jej, es würde schon wieder alles in Ordnung kommen. In der warmen Umarmung ihrer Mutter schlief Bergrid wieder ein, und als morgens wieder Leben ins Jolskrim am Vargberg kam, waren die Ereignisse der Nacht schon fast wieder vergessen.
Frostmond
Die pelzbesetzte Kapuze tief über das bärtige Gesicht gezogen, trotzte Fjolnir Hammarson Firuns beißendem Atem, den selbst die Palisade des Ottaskin nicht aufzuhalten vermochte, erst recht, seit vor zwei Nächten ein Sturm einen Teil davon beschädigt hatte. Noch dauerten die Arbeiten daran an, und so hielt Fjolnir heute Goiwara. Die Wehrhaftigkeit der Vargberg-Schafe mochte legendär sein, doch das hielt weder sie davon ab, durch die Öffnung hinaus in die Nacht zu strömen und dort ihren Tod zu finden, noch bewahrte es die allzu hungrigen Varge davor, die vermeintlich leichte Beute aufzusuchen und innerhalb des Ottaskin großen Schaden anzurichten. Nein, vorerst war es besser, wenn die Herferder unter den Hirten mit ihren Waffen bereit standen, Eindringlinge zu verjagen.
Ifirns Milde ließ noch einige Tage auf sich warten, dem vergangenen Sturm folgte eine trügerische Ruhe kalter, klarer Nächte, die einen Vorgeschmack auf den kommenden Grimfrostmond bot. Fjolnir paffte an seiner Pfeife und starrte in die Nacht hinaus, lauschte dem Atmen und Schnaufen der Schafe, sich die im Schutze der Herde und des Ottaskins nahe aneinander drängten. Manchmal neidete Fjolnir ihre dicken Pelze, auch, wenn es dazu keinen Grund gab: sein eigener Mantel war schließlich aus der Wolle ebenjener Schafe gewoben, die er nun zusammen mit Ore und Tulle, den beiden getreuen Olportern, bewachte. Der Rauch füllte seinen Mund mit willkommener Wärme.
In der Ferne heulten die Varge und Ore antwortete mit einem Geräusch, das halb Wuffen, halb Knurren war. „Ich höre sie auch“, brummte Fjolnir. „Aber sie sind noch weit weg.“ Vielleicht hatte die Dorfgemeinschaft flussabwärts des Merek ihr Vieh weniger gut geschützt. Das sollte Fjolnir recht sein. Auch dachte er an das Haus der Swafnirskinder, doch Swangard hatte ihm versichert, dass kein Wolf in deren Heimstätte eindringen konnte, und wenn – nun, dann wollte Fjolnir nicht auf den Vargen wetten.
Hinter Fjolnir öffnete sich die Tür des Jolskrim. Stirnrunzelnd wandte er sich um. Nachts blieben die Bewohnerinnen und Bewohner üblicherweise drin, zu wertvoll war die Wärme, als dass man sie leichtfertig entweichen ließ. Während auf den Ottaskin und die darin versammelte Schafherde silbernes Mondlicht fiel, lag das Vordach des Jolskrim im Schatten.
„Wer da?“, fragte Fjolnir und trat einen Schritt näher.
Niemand antwortete, doch ein heller Schemen hob sich vor dem dunklen Hintergrund ab. Er beachtete Folnir nicht, sondern trat wortlos ins Mondlicht, und Fjolnir erkannte ihn. Es war einer der Herferder, mit denen Fjolnir Jahr für Jahr auszog, um Ruhm und Reichtum der Ottajasko zu mehren. Thure Hiltjason verbrachte die Sommer damit, jede Schlacht zu schlagen, die sich ihnen auf ihren Beutezügen bot, und sorgte im Winter emsig dafür, die geschundenen Segel der Vegahögg wieder instand zu setzen, damit sie im Faramond bereit waren, wieder auszufahren. Nun stand er barfüßig und barhäuptig, in nichts als seiner Nachtwäsche, in der eisigen Kälte der Nacht.
„Hej, Thure“, brummte Fjolnir, „rein mit dir.“ Doch wohl war ihm nicht, und als er nahe genug war, um Thures Gesicht zu erkennen, wusste er, wieso.
Thure sah durch ihn hindurch, als sei er gar nicht da. Kein Wiedererkennen lag in seinem Blick, stattdessen eine Leere, die Fjolnir durch Mark und Bein ging. Das Gesicht leer und ausdruckslos, setzte Thure einen Fuß vor den anderen, ohne sich anmerken zu lassen, ob er überhaupt wahrnahm, wie der Schnee in seine Füße biss.
Die Tür zum Jolskrim hatte er offen gelassen. Jedes thorwalsche Kind wusste, dass man das nicht tat. Dass Thure sich nicht daran hielt, ließ eine Flamme der Wut in Fjolnir aufzüngeln. Er wollte Thure anfahren, doch der hatte noch immer kein Wort gesagt, und das ließ Fjolnir auch innehalten.
Ein Auge immer auf ihn gerichtet, schob sich Fjolnir an ihm vorbei und schloss die Tür selber. Er war bei weitem nicht zaghaft. Weder als Hirte am Vargberg noch als Herferder durfte man das sein. Im Gegenteil, Fjolnir wusste, dass er beherzt zupacken konnte, dass sich Äxte wie Schurmesser gut in seine Hände fügten, dass es keine Gefahr gab, der er sich nicht zu stellen vermochte. Und doch hielt ihn nun eine Angst in ihren Fängen, wie er sie im schlimmsten Kampf nicht kannte.
Irgendetwas stimmte mit Thure nicht, das war unverkennbar. Mit einer Hand fasste Fjolnir die eiserne Fluke an, die an einer Kette um seinen Hals hing, mit der anderen ergriff er, nachdem er ein paar Schritte zu ihm hin getan hatte, Thures Schulter. Wieder strömte ein Schwall von Wut durch seine Adern. Thure hatte nicht hier nachts herumzustreifen, in nichts als sein Nachtgewand gekleidet. Vor allem hatte er Fjolnir keine Angst einzujagen.
Mit einem Ruck drehte Fjolnir ihn um. „Thure“, herrschte er ihn an. „Was machst du hier?“
Leere Augen blickten ihn im Mondlicht an und für einen Moment dachte Fjolnir, darin Schatten zu sehen, die sich wie von selber regten.
Dann antwortete Thure. „Sie rufen“, sagte er mit gequältem Ton, einem Stöhnen fast, wie Bäume, die im Sturm ächzten.
„Wach auf“, befahl Fjolnir, mehr Mut in der Stimme als im Herzen. Thure konnte nur träumen. Es war die einzige Erklärung.
„Sie flüstern, sie wispern, ich muss nun gehn. Sie sprechen durch den Wind. Sie sprechen durch den Schnee. Ich muss dort hin, sonst tun sie mir weh“, rezitierte Thure als sei er ein Skalde, der eine Saga vortrug.
Das Paffen seiner Pfeife war Fjolnir in Fleisch und Blut übergegangen, doch nun fiel ihm auf, dass sie ihm ausgegangen war. Mit einem Mal war ihm selbst in seinem wärmsten Mantel kalt. „Wer?“, traute er sich zu fragen.
Doch Thure riss sich nur aus seinem Griff los und setzte wieder einen Fuß vor den anderen, immer weiter, in Richtung der Bresche des Ottaskin.
Ore winselte. „Bleib“, befahl Fjolnir ihm. Der Olporter versperrte die Öffnung, und das war jetzt wichtig. Wenn Thure hinaus ging, mochten die Schafe folgen und damit die Varge anlocken.
Mit schnellen Schritten eilte Fjolnir ihm hinterher. Wie ein Drauger sah er im Mondenschein aus, nur ins Nachtgewand gekleidet einen Fuß unbeirrt vor den anderen setzend. Er lief auf die eng zusammengedrängte Schafherde zu. Nur noch wenige Schritte trennten ihn davon und schon bald würden die Schafe aufgeschreckt, wenn er versuchte, mitten durch sie hindurch zu gehen. Wer wusste schon, wohin sie in ihrer Panik dann rannten.
Abermals überkam Fjolnir ein Schauer. Das Herz klopfte Fjolnir im Hals. Was auch immer mit Thure los war: Er musste sich nur jetzt darum kümmern. Ganz ohne Frage musste er die Angelegenheit zu Beorn bringen. Irgendetwas war falsch hier, und Thure brachte nicht nur sich selbst in Gefahr.
Sie hatten schon oft miteinander gekämpft. Normalerweise war Thure ihm ein ebenbürtiger Gegner, aber nun war es Fjolnir ein Leichtes, ihn zu Boden zu ringen. Mit wilden, zuckenden Bewegungen wehrte sich Thure. Das Gesicht in den Schnee gepresst und die Arme auf den Rücken gedreht blieb ihm allerdings nicht viel übrig, als letztlich ruhig liegen zu bleiben.
Fjolnir wagte fast nicht, seinen Griff zu lösen. „Thure?“, fragte er, doch erhielt keine Antwort. Schließlich drehte er ihn doch um, wollte ihn schließlich nicht ersticken.
Thure hatte die Augen geschlossen und atmete ruhig, nun das friedliche Bild eines schlafenden Thorwalers. Wenn auch einer, der nun doch ob der beißenden Kälte zitterte. Kein gutes Zeichen, aber endlich eine normale Reaktion, die Fjolnir aufatmen ließ.
„Wach auf“, befahl er abermals und schüttelte Thure an der Schulter – der nun die Augen zusammenkniff und einige Male blinzelte, sie schließlich aufschlug und sich verwirrt umsah. Es war offensichtlich, dass er nicht wusste, wie er hier gelandet war.
„Fjolnir. Was ist los?“, fragte Thure. Die Ausdrücke, die sich über sein Gesicht legten, konnte Fjolnir nicht deuten.
Für eine Jurgaliedstrophe sah Fjolnir ihn prüfend an. Wach und fest blickte Thure zurück. Schließlich zuckte Fjolnir mit den Schultern. „Du hast geträumt. Geh rein, wärm dich auf. Bei Tag reden wir mit den Goden.“
Thure sah aus, als wollte er noch etwas sagen, aber nickte dann und ging hinein. Die Tür zog er ordentlich hinter sich zu.
Fjolnir atmete tief durch und zündete seine Pfeife wieder an. Es war weitaus mehr als nur ein Traum, einfach des Nachts das Jolskrim zu verlassen und wirres Zeug zu reden. Aber diese Angelegenheit war besser bei Tageslicht oder an Travias Hort aufgehoben als unter Firuns eisigem Atem.
Bis dahin wachte Fjolnir über die Schafe.
Grimmfrostmond
„Es wird schlimmer.“
Die weiße Landschaft des Waskirer Hochlandes glitzerte im Sonnenlicht wie ein Meer fein beschlagener Gemmen. Langsam und stetig gewann die Sonne wieder die Oberhand in dem Kampf, den Sumus Tochter Winter um Winter gegen Hranngars Frost- und Sturmriesen austrug. Doch nicht davon zeugten Beorns Worte.
Die Kapuzen gegen den dennoch eisigen Wind über den Kopf gezogen standen Beorn und Wulfgrimm am Ufer des zugefrorenen Merek, an der Stelle, wo die beiden Drakkar der Vargberg-Ottajasko an Land gezogen überwinterten. Schon nahte der Friskenmond, sodass der Godi und der Skipsmider den Weg zu den überwinterten Langbooten gegangen waren, um deren Zustand zu begutachten. Während Wulfgrimm nach Schäden in Kiel und Planken suchte, hatte Beorns Blick den Schwächen gegolten, die den meisten Augen eher verborgen blieben, den Zeichen der Runjas, die sich ihm seit jeher da erschlossen, wo andere blind waren.
Die Schiffe waren beide in einem akzeptablen Zustand. Sowohl die Vegahögg als auch die Bjarnefrakki würden im Faramond zur See stechen können, wenn sie die allwinters nötigen Arbeiten zur Instandhaltung durchführten, nun, da die Tage wieder länger wurden.
Nur eines war nicht, wie es sein sollte. An einer einzigen Stelle prangte ein dunkler, verwaschener Fleck auf dem Deck der Vegahögg.
Ernst blickte Beorn Wulfgrimm an und neigte den Kopf zu der Stelle. Sie mussten darüber sprechen, von Godi zu Hetmann. Er sah zu, wie Wulfgrimm im Kopf die Positionen der Herferder durchging und zu einem Ergebnis kam.
„Thure?“
Beon nickte. Es überraschte ihn nicht, an dessen Platz ein solches Zeichen zu sehen. Von Mond zu Mond war Thure blasser, sein Schlaf unruhiger und seine Träume deutlicher geworden. „Der Fluch zieht ihn noch immer zum Seufzermoos. Eine Weile lang dachten wir, dass es besser wird – unterwegs auf Fahrt noch.“
Kaltes Eisen in der Hand und Swafnir in seinem Herzen zu halten hatte Thure dabei geholfen, die Wirkung abzuschütteln und er hatte sich mit der üblichen Vehemenz in Schlachten gestürzt. Mit fortschreitendem Winter jedoch … erst war es gar nicht aufgefallen. Der Segelmacher war vielleicht etwas stiller gewesen, doch nicht mehr, als es nach einer ereignisreichen Fahrt vorkommen konnte. Nach und nach hatte sich die Wirkung des Fluches wieder unleugbar gezeigt. „Doch der Runja Geflüster umspinnt ihn.“
Wulfgrimms Hand legte sich auf das Holz des Drakkar. „Was genau ist mit ihm?“ Es war klar, dass er an die bevorstehende Fahrt dachte.
„Sein Verstand – sein Geist – ist intakt“, fing Beorn bedächtig an, die wichtigste Zusicherung vorweg. „Doch hat sich ein Schatten mit seinem Schicksal verwoben, der an ihm zehrt. Er möchte zu seinesgleichen; solange er an Thure gebunden ist, wird er ihn mitreißen.“ Mehr als einmal bereits hatte diese Dunkelheit nach Thure gegriffen und ihn zum Stolpern gebracht. „Wenn dieser Fluch nicht gebrochen wird …“
Wulfgrimm spuckte hinter sich.
Das Bild ergab sich deutlich vor Beorns Augen. Kalte, klebrige Finger, die an Thures Knöcheln zogen, ihn von den Planken hinunter in die Tiefe zerrten. Irrlichter, die über das Seufzermoos flackerten. Was gegenwärtig meist nur ein Gefühl war, das von Thure Besitz ergriff, würde dann sein Schicksal. Die Pfade, welche die Runjas offenbarten, wiesen alle dorthin.
„… dann mag seiner Seele geschehen, wozu es bislang nur seinen Körper drängt“, vollendete Beorn.
„Skiet.“
„Jej.“
„Großer, stinkender Orkenskiet.“
„Die Runjas weben unser Schicksal.“
Seit der Nacht im späten Frostmond, als Thure beinahe alleine in die Wildnis hinaus gewandert wäre, hatten die Goden mehrfach mit ihm versucht, den Fluch zu brechen. Bestenfalls vermochten sie ihm zeitweise Erleichterung zu verschaffen, sodass er für einige wenige Tage wieder den Eindruck machte, unter den Lebenden zu weilen. Doch früher oder später verdunkelte wieder dieser Schleier seine Augen und ließ aus seiner Flöte nur Klagelieder erklingen.
„Wir haben fast alles versucht“, sagte Beorn.
„Fast.“ Wulfgrimms Augenbrauen hoben sich und Beorn sah neben Entschlossenheit auch einen Hauch von Angst in seinen Augen.
Er neigte den Kopf. Wulfgrimm war mit seiner Beunruhigung nicht alleine. Und doch – was sein sollte, würde sein. „Es zieht ihn zum Seufzermoos. Lass uns mit ihm dorthin gehen.“ Er sah Wulfgrimm an. „Du weißt, wer dort lebt.“
Wie von selbst griff Wulfgrimm an die Fluke, die an einer Kette um seinen Hals hing. Beorn konnte es ihm nicht verdenken. Er selber wusste um die Fäden, welche die Runjas um diejenige gewoben hatten, wenn er doch auch deren Form nicht erkannte. Für Wulfgrimm und die anderen am Vargberg hingegen … niemand konnte sich vorstellen, weshalb jemand am Rande des Seufzermoos leben sollte.
„Du bist dir sicher?“ Eindringlich suchte Wulfgrimm Beorns Blick.
Beorn erwiderte ihn. „Es wird, was wird. Aber sie mag die Wege all derer kennen, die es ins Moor zieht – ob Drauger oder Rekker.“
Eine halbe Liedstrophe lang herrschte Stille, dann nickte Wulfgrimm als Zeichen seiner getroffenen Entscheidung. „Dann suchen wir sie auf. Die Seidkona im Seufzermoos.“
Friskenmond
Eine kleine Gruppe war es, die an diesem letzten Swafnirsdag des Friskenmondes auf dem Weg zum Seufzermoos war. Beorn natürlich und Ragin, dazu der Hetmann. Der alte Ingibjörg war im Jolskrim verblieben, hatte nur Beorn einmal beiseite genommen und ihm einige Worte ins Ohr geflüstert, woraufhin der Godi an seine Gürteltasche gegriffen und genickt hatte. Eine Handvoll Leute war noch dabei, Herferder zumeist – und natürlich Thure Hiltjason.
Eine zeitlang hatten sich die anderen unterhalten, ihre Worte ein gedämpftes Murmeln in Thures Ohren. Selbst wenn sie neben ihm sprachen, kostete es ihn mehr Mühe, als er aufzubringen imstande war, den Sinn ihrer Worte zu begreifen, als läge beständig ein schwerer Nebel über ihm, der die Laute der Lebenden schluckte und nur das unverständliche Geflüster der Runjas zu ihm dringen ließ.
Inzwischen stapften alle schweigend dahin. Der Weg war mühsam. Mit der Schneeschmelze weichte der Boden auf, sodass man mit jedem Schritt bis zum Knöchel einsank. Und doch hätten sie dieses Unterfangen nicht früher beginnen können. Die Tage und Nächte verschwammen für Thure zu einer undefinierten, unendlichen Menge langer, schwerer, einsamer Momente, doch war er sich bewusst, dass bereits Wochen vergangen waren, seit die Goden mit ihm das Seufzermoos zum ersten Mal in diesem Winter besucht hatten. Er wusste, dass er die Seidkona fürchtete, doch als er schließlich vor ihr gestanden hatte, hatten die Runjas aus dem Moor viel zu laut geflüstert, nach ihm gerufen, als dass ihre Worte eine Bedeutung gehabt hatten. Vage erinnerte er sich, wie sie mit Beorn gesprochen hatte. Darum waren sie nun abermals hier.
Vielleicht mochte es helfen. Der Gedanke war abwegig. Fast als Gewissheit spürte Thure tief in den Knochen, dass es nicht wichtig war, was sie machten, um sein Leben zu retten – weil er doch eigentlich eben schon tot war.
Schon machten die Tannen und Lärchen des Waskirer Hochlandes Fichten und Kiefern Platz, die schließlich den hageren Gestalten der Moorbirken wich, welche die Wanderer beobachteten. Nie ließ sich sagen, wo genau das Seufzermoos begann. Die im Sommer ausgetretenen Pfade waren nach der Schneeschmelze nur schwer erkennbar und die kleine Gruppe Reisender rückte näher zusammen, bis sie schließlich bei der Hütte der Seidkona ankamen, die sie bereits erwartete.
Es war knochenharte Arbeit, schwerer noch als der Marsch über den tauenden Boden, die Grube auszuheben. Bei aller Eintönigkeit – Spaten einstechen und torfige Erde ausheben in endloser Wiederholung – brachte die Anstrengung immerhin ein wenig Farbe in Thures Wangen. Nur im Kampfe ebbte das beständige Unwohlsein wirklich ab, das sich seit dem letzten Kornmond tief unter seiner Haut eingenistet hatte. Doch harte Arbeit wie diese verschaffte zumindest kurze Linderung und weckte die ferne Erinnerung daran, wie leicht er es einst genommen hatte, am Leben zu sein. Des öfteren war Thure in den letzten Monaten schon auf halbem Wege aus dem Jolskrim hinaus gewesen, als er aufgewacht war und realisierte, wohin seine Füße ihn trugen. Vielleicht half das, was sie hier vorhatten. Vielleicht band er sich aber auch nur endgültig ans Seufzermoos.
Einen dreiviertel Schritt tief war die Grube, einen breit und beinahe zwei lang, als ihre Spaten den gefrorenen Boden des Moores nicht mehr zu durchdringen vermochten.
„Es ist soweit“, verkündete die Seidkona unheilvoll. Es hieß, das Moor gehorche ihr. Es hieß auch, sie selbst sei daran gebunden, sei ebenso seine Dienerin wie die Drauger, deren Schrecken umso stärker war, je näher sich Thure ihnen fühlte. Er wusste nicht, welche der Geschichten der Wahrheit entsprachen, doch wenn es einen Weg gab, ihn aus diesem schattenhaften Dasein zu erlösen, musste er ihn nehmen.
„Ich bin bereit“, sagte er mit einer Stimme, deren Schwäche ihm selbst nach all den Monden noch fremd war.
Er spürte die Blicke der anderen auf sich ruhen, als er in die Grube stieg. Vielleicht versuchte ihm jemand einen Abschiedsgruß mitzugeben, ihm die Arme um die Schultern zu legen, ihm gutmütig durchs Haar zu rubbeln, ihm ein Zeichen zu geben, dass sie bei ihm waren. Dafür waren sie schließlich mitgekommen. Ohne sie zu beachten legte sich Thure auf das kalte Erdreich. Er platzierte seine Flöte auf seiner Brust, umfasste sie mit den Händen und schloss die Augen.
Spaten um Spaten fiel die schwere, torfige Erde auf Thures Körper. Die eisige Bodenkälte kroch unaufhaltsam durch seinen Mantel. Das laute Pochen in Thures Ohren übertönte die gemurmelten Worte seiner Gefährten. Jeder Klumpen Erde entfernte ihn von ihnen und brachte ihn dem Seufzermoos näher, und schon bald gab es für ihn nichts mehr als den beständigen Rhythmus fallender Erde, die seine Gliedmaßen mehr lähmte als die Kälte.
Thure horchte auf Änderungen, auf irgendetwas, das ihm zeigte, dass es wirkte. Vielleicht war es sein Schicksal, hier zu sterben. Vielleicht wurde er dann zu dem, wonach sich sein Körper den ganzen Winter bereits anfühlte. Er wusste, dass er das eigentlich nicht wollte. Doch es war so unheimlich schwer, sich daran zu erinnern.
Erde rieselte auch über sein Gesicht und bedeckte seine Augen. Hier gab es nur ihn und das Seufzermoos in seiner endlosen Tiefe. Hier würde er also sterben.
Kleine Bröckchen rieselten über Thures Mund und Nase, und endlich, endlich, jetzt, da er keinen Finger rühren, keinen Atemzug tun konnte, geschah es: Wie das Wasser von den Federn eines Schwanes glitt die schwere Last von ihm ab und sickerte in den gefrorenen Boden des Seufzermoos. Eine Leichtigkeit umfing Thure, hell und klar sprudelnd wie eine Quelle im Frühling, überschäumend wie die Brandung bei einem Strandhögg, freudig und warm wie die Nähe seiner Freunde und Gefährten.
Mit dem letzten bisschen Luft, das ihm verblieben war, pustete er die Erde über seinem Mund weg und tat einen tiefen Atemzug. Er atmete, er lebte!
Es dauerte eine Weile, bis seine Gefährten ihn wieder ausgegraben hatten, und dann, bis er seine steif gefrorenen Glieder wieder bewegen konnte. Eine nach dem anderen blickte Thure seinen Freunden in die Augen und es war, als würde er sie zum ersten Mal in diesem Winter sehen. Fest schloss er sie in die Arme, spürte die Kraft ihrer Umarmungen, die Wärme ihrer Freundschaft. Immer und immer wieder bedankte er sich mit einer Erleichterung, die, so herzlich sie auch klingen mochte, noch lange nicht der Tiefe seiner Gefühle gerecht werden konnte.
Schließlich wandte er sich an die Seidkona, die im Hintergrund stand und mit ihren scharfen Augen das Treiben beobachtete. Ein wenig schauderte Thure bei dem Gedanken, was sie wohl alles wissen, und wer ihr dieses Wissen zugeflüstert haben mochte. „Fjell tak“, sagte er auch ihr.
Deutlich leichteren Herzens trat die kleine Gruppe den Weg zurück zum Vargberg an, lachend und scherzend, singend und mit einer fast tänzerischen Freude in den Schritten, und Thure pfiff ein fröhliches Lied.
