Unser ist das Meer – Kapitel 18

Niemand sprach auf dem Weg zurück zum Strand. Zwischendurch gab Faenwulf eine Anweisung, doch er betrachtete wortlos die Sklaven, denen sie nun die Freiheit schenken würden. Faenwulf kannte ihre Geschichten nicht, wusste nicht woher sie stammten oder wohin sie gehen würden, doch er war sicher dass es überall besser war als auf der Galeere und in Al’Anfa.

Es waren junge Männer unter ihnen, Frauen und Kinder. Doch alle gleichfalls verängstigt. Manche weinten. Faenwulf fragte sich, ob jemand von ihnen schon mal von einer Ottajasko überfallen worden war, ob sie vor ihnen genauso viel Angst hatten, wie vor den Sklaventreibern. Doch das würde bald keine Rolle mehr spielen. Der Strand näherte sich und schon bald würden sich ihre Wege trennen.

Als der Drakkar auf den Strand stieß, schüttelte es einige ordentlich durch. Faenwulf sprang von Deck und deutete den ehemaligen Sklaven das Schiff zu verlassen. „Kommt“, rief er auf Garethi. „Ihr seid frei. Geht! Macht was ihr wollt.“ Mit beherzten Schlägen wurden die letzten Fesseln gesprengt und die ungewöhnlichen Passagiere verließen das Schiff. Einige blickten sich nicht um, sprachen kein Wort mit ihren Befreiern, doch andere dankten in ihren fremd klingenden Sprachen. Eine ältere Frau legte sanft ihre Hand auf Faenwulfs Wange, blickte ihm tief in die Augen und verschwand dann über die Dünen.

Dieses komische Gefühl, das in Faenwulf brütete verschwand langsam und wurde ersetzt durch Stolz. Stolz darauf, dass sie besser waren als die Al’Anfaner. Dieses dreckige Pack, die Menschen hielten wie Vieh.

Faenwulfs Aufmerksamkeit wurde wieder zur Vegahögg gelenkt. Einige seiner Leute standen ratlos an Bord und wussten anscheinend nicht was sie tun sollten. Faenwulf blickte Karva fragend an, doch die gestikulierte nur ihr Unverständnis. Einer der Sklaven war an Bord geblieben. Er hatte sich neben Blotgrimm gesetzt, der noch immer nicht das Bewusstsein wieder erlangt hatte, und betupfte seine Stirn mit kühlem Wasser. Es war ein junger Moha, der Faenwulf herzlich anlächelte. Er trug nichts außer einem Lendenschurz, Talismanen und einer Decke, die er sich als Mantel umgebunden hatte. Faenwulf sah die Narben auf seinen Schultern, die von Peitschenschlägen herrührten und spürte den Zorn heiß in seinem Magen.

„Du kannst gehen“, begann Faenwulf und deutete auf den Strand. „Du bist frei.“ Der Moha nickte und erhob sich. Er war sehr schlank und reichte Faenwulf kaum bis zur Schulter. „“Matatoa“, sagte er lächelnd und deutete auf sich, dann deutete er auf Faenwulf und blickte den Thorwaler fragend an. „Ich bin Faenwulf“, antwortete dieser verblüfft, aber auch amüsiert. „Du kannst gehen wenn du willst.“ Doch Matatoa blickte ihn mit allwissenden, dunklen Augen an und schüttelte nur den Kopf. Faenwulf wusste nicht was er sagen sollte, doch es war nicht ungewöhnlich dass Mohas auf thorwalschen Schiffen anheuerten. Wenn er bleiben wollte, sollte er bleiben. Und wenn es ihm doch nicht gefiel, war er kein Verlust. Also nickte Faenwulf nur und befahl dem Rest der Mannschaft den Drakkar wieder vom Strand zu schieben. Sie hatten genügend Beute gemacht, die sie nun los werden mussten und wo ging das besser als in Brabak?

Also ruderten sie. Matatoa tat sein bestes und löste zwischendurch die ab, die eine Pause brauchten, doch er war zu erschöpft von seiner Gefangenschaft, als dass er lange hätte rudern können. So blickte er die meiste Zeit raus aufs Meer und schien den Wind in seinem Gesicht zu genießen. Frei von Fesseln.

Faenwulf blickte ebenfalls nachdenklich aufs Meer. Was symbolisierte Freiheit besser als das Meer? Das endlose Blau, die Wellen und der Wind. Und natürlich seine Bewohner. Die Wale, die schwammen wohin sie wollten und niemand hielt sie auf. Wild und frei jagten und spielten sie, stets beschützt von ihrem Vater Swafnir. Ihrem gemeinsamen Vater. Noch nie hatte jemand Ketten um Faenwulfs Arme gelegt und er würde lieber sterben, als für immer gefangen zu sein. So ging es ihm und seinem Volk. Freiheit als das höchste Gut. Was gab es mehr? Er war froh, dass sie den Sklaven hatten helfen können und die Sklaventreiber ihre Strafe erhalten hatten. Ihre Körper sanken nun in die Tiefe, zerfetzt von Haien und anderem Getier. Niemals würden sie die dunkle Tiefe verlassen können. Eine Strafe schlimmer als der Tod, doch sie hatten es verdient.

Faenwulf wurde aus seinen Gedanken gerissen als Matatoa eine Hand auf seine Schulter legte und auf eine Möwe deutete. Der Hafen Brabaks war in der Ferne zu sehen.

Kapitel 17