Unser ist das Meer – Kapitel 26

Die Bewohner des Dorfes feierten Kasua wie einen Helden. Es schien den Thorwalern suspekt und sie nahmen nur halbherzig an den Feierlichkeiten teil, doch sie respektierten die Bräuche ihrer Gastgeber. Man sah Takile die Trauer ob des Verlusts seines Sohnes an, doch auch er feierte den Mut und die Heldentat seines Sohnes.

Nun, da das Ungeheuer tot war, hatten sich einige Dorfbewohner in die Höhle gewagt und den restlichen Schatz, sowie den Kadaver des Monsters ins Dorf gebracht. Sie verstanden nicht, wieso die Thorwaler die Münzen und Schmuckstücke dem schmackhaften Fleisch des Krakenmolches vorzogen, doch Faenwulf erklärte ihnen, dass das erlegte Monster sein Dank für ihre Hilfe war. Die Dorfbewohner bedankten sich überschwänglich, während Faenwulf am Strand platz nahm und in die Ferne blickte. Er wusste nicht wie lange er dort saß und dem Meer gelauscht hatte, als Matatoa sich neben ihn in den Sand fallen ließ. Faenwulf blickte seinen Freund fragend an, als dieser aufs offene Meer deutete. Der Thorwaler blickte in die Ferne und sah dunkle Wolken, die sich weit in der Ferne über dem Meer zusammen brauten. „Der Sturm wird kommen“, sagte der Moha und deutete nun auf das Dorf. „Ihr müsst helfen.“ Noch verwirrter als zuvor betrachtete Faenwulf nun die Dorfbewohner, die begonnen hatten Palmblätter an ihren Hütten zu befestigen und die Wände mit dickeren Ästen zu verstärken. Nur einige der Herferder halfen ihnen, waren die meisten noch zu schwach um etwas anderes zu tun, als ihre Wunden zu versorgen. „Der Sturm kommt früher als in anderen Jahren“, erklärte Matatoa und zog Faenwulf auf die Beine. Seine Rippen schmerzten immer noch fürchterlich von dem Schlag des Krakenmolchs, doch er folgte Matatoa und begann den Dorfbewohnern zu helfen, ihre Hütten bereit zu machen. Die Hütten standen am Rand des Waldes und dies war nicht der erste Sturm den sie überstehen würden, doch sein verfrühtes Auftreten hatte sie anscheinend überrascht. Faenwulf war entsetzt über die Geschwindigkeit mit der die dunklen Wolken näher kamen und wie schnell sie die Insel erreichen würden. Es dauerte nur einige Strophen bis er das Ansteigen des Windes spürte und die Wellen höher schlugen. Die Palmen bogen sich im Wind und der beginnende Sturm wirbelte den Sand des Strandes auf.

Noch bevor sie das Dorf befestigt hatten und auch nur mit der Vorbereitung der Vegahögg beginnen konnten, war das Unwetter über ihnen. Wasser und Sand wurde ihnen in die Augen geschleudert und die Thorwaler halfen nun so gut sie konnten alles in den Wald oder die Hütten zu schaffen. Dieses kleine Paradies offenbarte immer mehr die Gefahren, die in ihm lauerten.

Im Grunde konnten sie nichts tun. Der Drakkar war an den Strand geschafft und zum Festzurren des Rumpfes war keine Zeit. Zum Glück hatten sie schon vor Tagen den Mast umgelegt und den Wadmal sauber gefaltet in eine der Hütten geschafft. Die Herferder hatten sich in die Hütte zurück gezogen, die Takile ihnen zur Verfügung gestellt hatte. Der gesamte Schatz lag hier, ebenso wie ihr persönliches Hab und Gut.

Wir hätten direkt fahren sollen, dachte Faenwulf betrübt, sagte aber nichts. Seit Tagen machte er sich Gedanken über ihre Abreise. Selbst wenn sie jetzt das Segel setzten, war es unwahrscheinlich, dass sie es bis zu Anbruch des Winters zurück nach Thorwal schafften. War es eine Option in Nostria oder gar Grangor zu stranden oder sollten sie hier bleiben? Er spürte, dass sich die Herferder nach ihrer Heimat sehnten und selbst die Jungspunde hatten einiges ihres Enthusiasmus verloren. Thorwaler waren bestimmt über das Meer zu segeln und doch rief ihre Heimat nach ihnen. Die Berge, die Kälte, der Schnee. Das alles gab es hier nicht und auch Faenwulf sehnte sich nach Thorwal. Egal wie weit ihn seine Abenteuer geleitet hatten, er war immer ins Land der Freien zurück gekehrt. Doch sie hatten auch einen der ihren verloren und zwei weitere hatten die letzten Tage mit gebrochenen Knochen in der Hütte verbracht. Sie würden nicht rudern können und auch Faenwulf selbst war sich nicht sicher, ob er gegen einen Sturm würde anrudern können. Jeder Atemzug schmerzte schrecklich und er war sich nicht sicher, ob nicht auch er einige gebrochene Rippen davon getragen hatte.

Er wurde von entsetzten Rufen aus seinen Gedanken gerissen, sprang trotz seiner schmerzenden Rippen auf und rannte hinaus in den Sturm. Sofort sah er den Grund für den Lärm. Der Sturm trieb riesige Wellen gegen den Strand. Immer und immer wieder zerbarst das Wasser am Ufer und trieb den gestrandeten Drakkar vor sich her. Faenwulfs Herz sank, als sich eine mächtige Welle staute und wie ein Raubtier sein Schiff rammte. Die Vegahögg prallte gegen einen Felsen, welcher ein großes Loch in die Flanke des Drakkar riss. Faenwulf hätte am liebsten geschrien, doch er konnte nichts tun. Er musste mit ansehen, wie das Meer seinen Drakkar auf die Seite warf und schließlich liegen ließ, wie ein totes Tier. Bryda, die neben ihn getreten war, hatte Tränen in den Augen. Auch sie schien zu realisieren, was der Schaden an der Vegahögg für sie alle bedeutete. Faenwulf wandte sich zu den Herferdern um, bemüht, sie seine Verzweiflung nicht sehen zu lassen.

„Efferd hat für uns entschieden“, sagte er mit bitterem Unterton und konnte sich ein verzweifeltes Lachen nicht verkneifen. „Wir werden den Winter hier verbringen, heilen und die Vegahögg reparieren. Und dann nach Hause zurückkehren.“ Die Herferder blickten bedrückt zu Boden. Man sah ihnen ihre Erschöpfung an. Die bisherige Reise hatte ihnen viel abverlangt.

Blotgrimm knurrte und legte sein schmerzendes Bein auf Thurbolds Rücken. „Jetzt muss ich mir zumindest meine Füße über den Winter nicht im stinkenden Waskir abfrieren.“ Faenwulf und einige der anderen schmunzelten und Faenwulf ließ sich neben Karva in den Sand sinken. Nun hatten sie keine Wahl und die Entscheidung war ihm abgenommen worden. Sie mussten das Beste aus dem machen was sie hatten. Die Rückschläge waren hart und doch hatten sie ihr eigentliches Ziel erreicht. Der Schatz glänzte im Licht des Feuers und was war schon ein Winter in einem fremden Land, wenn sie als reiche Männer und Frauen in ihre Heimat zurückkehren konnten, besungen von den berühmtesten Skalden? Faenwulf legte seinen Arm um Bryda, die sich neben ihn setzte. Es hätte sie alle wirklich schlimmer treffen können.

Kapitel 25